Elf

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Status: Überarbeitet

- Yoongi -

Mein Kopf angelehnt an der Schlafzimmertür weinte ich. »Jimin!«, rief ich. »Du kannst das alles doch nicht einfach so beenden. Das ist absurd!« Immer wieder wusch ich mir die Tränen von den Wangen, doch kamen immer mehr, denn ich konnte sie nicht stoppen. Aggressiv rüttelte ich an der Türklinke, in Hoffnung, ich würde die Tür irgendwie aufbekommen.
»Ich bitte dich!«, schrie ich und schlug mit der Faust gegen die Tür.
»Verschwinde!« Seine Stimme war ebenso gebrochen und zittrig, wie meine. Wir beide weinten. Ich gab auf, an der Türklinke zu rütteln und hielt nun meine Hand schwach gegen die Tür. »Öffne doch bitte diese verdammte Tür«, sagte ich inzwischen in einem ruhigen Ton, doch es kam nichts. Jimin begann mich und meine Bitte zu ignorieren. Verloren und verzweifelt stand ich da. Wenn ich doch nur gewusst hätte, was das alles mit sich bringen würde ...
Mit langer Überlegung, entschied ich mich einen Spaziergang zu machen. Die kühle, frische Luft würde mir bestimmt helfen, den Kopf freizubekommen. Ich unterdrückte das schluchzen und verließ die Wohnung. Nach der Nutzung des Fahrstuhls war mich nicht, so nahm ich die Treppen. Meine Konzentration lag auf meine Schritte, wie sie im leeren, dunklen Flur lauter denn je schienen. Starke, kalter Wind wehte mir direkt entgegen, sobald ich das Haus verlassen hatte. Die verbliebenen Tränen auf meinen Wangen trockneten sofort. Die Kühle war erfrischend und half mir für ein paar Sekunden alles zu vergessen.
Jener verwelkte, nasse Blatt unter meinen Füßen schienen mir im Moment lebendiger, als ich mich fühlte. Wut und Trauer waren wie erloschen, sie tauschten sich mit der Leere aus und ließen mich mit ganzer Entfaltung leiden. Es war die reinste Folter, wie als wenn die bloße Hülle von mir übrig geblieben sei.
Ich war mit meinen Gedanken weit weg von dem hier und jetzt, sodass ich die Person vor mir nicht kommen sah und mit der Schulter gegen seine stieß.
»Hey!«, beschwerte sich der Fremde.
»Entschuldige«, entkam es halb hauchend von mir und anstatt alles zu vergessen und seinen Weg fortzuführen, packte mich der Fremde und stieß mich unsanft gegen eine Ampel. Mein Kopf schlug gegen die Stange. Aufgrund von Schmerzen stöhnte ich und schneller als der »Peng« einer Waffe, nahmen Schmerzen mein Schädel ein. Als wäre es ihr Eigentum, ihr Zuhause.
Der Fremde drückte mich gegen die Ampel, als ich versuchte mich zu entfernen und atmete mir direkt ins Gesicht. Er stank nach Alkohol und Zigaretten, dabei waren seine Augen nur zur Hälfte geöffnet. Ich brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass dieser Kerl stockbesoffenen war.
»Ich erwarte eine richtige Entschuldigung, nicht so was!«
»Ich bin wirklich nicht auf Stress aus, wie wäre es, wenn ...« Ohne nachzudenken, verpasste der Kerl mir eine, und erneut schlug mein Kopf gegen die Stange hinter mir. Wie ich es doch hasste, wenn Menschen mit ihren Fäusten dachten, doch zu meinem Glück beließ er es dabei und ließ mich in Ruhe. Zischend fasste ich mir an meine Unterlippe. Blut ... Das Zeug verteilte sich auf meinen Fingerkuppen.
»Scheiße, Mann.« Ich stieß mich von der Ampel und hob meine Brille auf. Sie fiel mir zu Boden, als dieser Scheißkerl mich schlug. Sie war hin, beide Gläser zerbrochen. Jetzt durfte ich mir auch eine neue Brille besorgen, heute war wohl nicht mein Tag.
Nicht weit von hier war eine Tankstelle, diese betrat ich und kniff meine Augen zusammen, als ich mir den Preis eines Produktes anschaute. Die Brille brachte mir nichts mehr, und ohne war ich praktisch blind.
»Entschuldigung«, sagte ich. Der Kassierer blickte von seinem Handy zu mir rüber und kam auf mich zu. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte er.
»Entschuldige, aber meine Brille ist hin und kann den Preis nicht lesen. Wie teuer ist denn diese Energiedose?«
»2.600 Won wären das«, sagte er freundlich lächelnd. Wenigstens einer, der nicht böse auf mich war. Wenn auch ein Fremder, aber besser, als niemanden.
»Vielen Dank.«
An der Kasse scannte er die Dose ein, während ich zum Regal hinter ihm schaute.
»Ein Marlboro bitte noch«, sagte ich und zeigte zu den Zigaretten. Schon vor Jahren hatte ich mit dem Rauchen aufgehört. Jimin hasste es aus ganzem Herzen, wenn ich dies tat. Der Geruch und der hohe Preis für die Dinger ließen ihn bloß das Böse darin sehen. Doch was hatte ich noch zu verlieren, wenn ich in fünf Monaten sowieso nicht fertig werden würde?
Draußen, vor der Tankstelle kramte ich in meiner Jackentasche nach einem Feuerzeug, doch da ich seit Jahren nicht mehr rauchte, besaß ich keins mehr. So betrat ich erneut diesen Laden und besorgte mir eine. Nach meinem ersten Zug musste ich husten, sobald der Rauch meine gesamte Lunge in Beschlag nahm, doch nach ein paar weiteren Zügen, gewöhnte sie sich daran.
Ich machte mich auf den Weg zum Friedhof, lange hatte ich meinen Bruder nicht mehr besucht. Es mochte nicht das angenehmste sein, solch ein Ort am späten Abend zu besuchen, doch was sollte ich denn sonst noch tun. Ich musste meinen Kopf frei kriegen, mich beruhigen, noch dazu fühlte ich mich schlecht zwei Monate von Yun entfernt gewesen zu sein. Jahrelang besuchte ich den Kleinen regelmäßig einmal die Woche an. Jeden Freitag. Es war nicht nur der Tag, an dem er beerdigt wurde, sondern auch der Tag, an dem er sich das Leben nahm. Was ein Zufall, nicht wahr?
Kurz nach seiner Beerdigung war ich tatsächlich beinahe an jedem Tag der Woche da und stand da, stumm, nichtssagend und trauerte um meinen Bruder, auch so besten Freund. Niemand war mir aus meiner Familie wichtiger gewesen, als Yun. Das musste ich offen zugeben und das wusste auch jeder.
Ich begann wenige Monate nach diesem Tag mich leer zu fühlen, verlor meine Motivation für alles, vernachlässigte sogar meine damaligen Projekte und auch Jimin und meine Familie. Ich nahm keine Anrufe an, las mir keine Nachrichten durch, betrank mich und rauchte mich voll. Nächtelang weinte ich mich in den Schlaf, bis Jimin eines Tages vor meiner Haustür stand, mit mir ein ernstes Gespräch führte und mich überredete einen Therapeuten zu suchen. Man diagnostizierte mich mit Depressionen.
Ich konnte Jimin nicht verlieren. Wäre er damals nicht dagewesen ... meine Entscheidung lag knapp dabei meinem Bruder zu folgen. Yun war immer für mich da, wenn andere es nicht waren und ich für ihn. Ich vermisste ihn so unglaublich sehr.
Nun stand ich stumm vor seinem Grab und starrte leer seinen Grabstein an. Generell, ich musste sein Grab mal wieder auf Vordermann bringen. Alte, verwelkte Blumen, kaputte Plüschtiere und Bilderrahmen dessen Bilder von innen Wasserschäden bekamen. Ich musste neue Rahmen kaufen, neue Bilder ausdrucken.
Für einen Moment schloss ich meine Augen und hörte dem Rascheln der Bäume zu. Gänsehaut überkam meinen Nacken, als der Wind von hinten auf meinen Rücken wehte.
»Lang nicht gesehen, Kumpel«, sagte ich und kniete mich auf ein Knie. Ich umfasste eine verwelkte Blume und betrachtete sie, dann die Bilder. Sie waren kaum noch zu erkennen, denn es regnete viel in letzter Zeit. Was ein jammer ...
»Entschuldige bitte fürs lange fehlen, Yun.« Es tat gut so zu tun, als wäre er hier und würde mir zuhören, darauf warten, dass er anfangen konnte zu sprechen. Seinen Namen zu auszusprechen, als würde er noch leben.
»Nun ja, ich sage es mal so. Ich hatte viel zu tun. Sehr, sehr viel.« Ich verstummte für einen kleinen Moment. Kurz war die Hoffnung auf eine Antwort von Yun aufgekommen, dumm von mir so zu denken. Er war tot! Ich verspürte Druck in meiner Kehle, so, als würde sich meine Stimme selbst in einem Kerker verschließen. Auch kamen mir wieder die Tränen hoch und meine Sicht verschwamm. Die Zigarette zwischen meinen Lippen sog ich und nahm mehr Rauch auf.
»Ich wünschte du wärst damals zu mir gekommen ... wir hätten das zusammen durchstehen könnten und wer weiß, vielleicht wärst du dann nicht Tod und mein Leben würde nicht dem Bach untergehen.«

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