Siebenundzwanzig

51 7 1
                                    

Status: Überarbeitet

- Yoongi -

»Wenn ich dir etwas erzähle, heißt es noch lange nicht, dass du es jedem weitererzählen kannst, mit dem du Mitleid hast«, sagte ich erbost. Wir waren auf dem Weg nachhause und warteten, bis die Ampel grün zeigte.
»Er wirkte so ... verloren. Als wüsste er nicht mehr, wohin mit seinem Leben. Ich fand, dass es nur fair war, immerhin hat er uns ja auch seine Geschichte erzählt.«
»Es wäre mir lieber gewesen, wenn ich es von mir aus erzählt hätte! ... Vielleicht sollte ich einfach deine Emotionen ausschalten!« Meine Stimme wurde unbewusst lauter. Im Augenwinkel sah ich, wie Yun schwer schluckte und mich ansah. Verletzt, doch er versuchte es zu verstecken, als hätten meine Worte ihn nicht getroffen. Ich war wütend und atmete tief ein und aus, um nicht die Fassung zu verlieren.
»Vielleicht solltest du es tun«, sagte Yun ruhig und ohne jegliche Emotionen im Ton.
»Vielleicht, ja vielleicht sollte ich es tun!«
Sobald die Ampel grün leuchtete, fuhr ich los, doch änderte den Kurs. »Du bist falsch abgebogen.«
»Nein, wir fahren woanders hin«, sagte ich. Mein Griff ums Lenkrad verfestigte sich, sodass sich weiße Stellen an meinen Knöcheln bildeten. Ich musste mich unbedingt beruhigen!

Am Friedhof standen wir vor dem Grab meines echten Bruders. Minuten standen wir bloß da und schwiegen. »War diese Person das echte Ich?« Ich nickte. Sobald wir diesen Ort betraten, wechselte sich mein Zorn mit Wehmut. Hier konnte ich einfach nicht wütend sein.
Yun kniete sich hin und nahm eines der Bilder in seine Hand. Zu sehen waren ich, unsere Eltern und der echte Yun. Während wir alle breit lächelten, zog mein toter Bruder eine Grimasse. Stumm betrachtete mein Projekt seinen 10-jährigen Doppelgänger.
»Was ist mit Mama und Papa?« Ehe ich zum Sprechen ansetzte, schluckte ich schwer. Mit ihnen war ich lange nicht mehr in Kontakt. »Sie sind weggezogen.«
»Wohin?«, fragte Yun und schaute zu mir hoch.
»Nach Busan ... mehr haben sie mir sind gesagt.«
Sie zogen kurz nach dem Tod meines kleinen Bruders weg. Meine Eltern gaben mir den Grund: „hier seien zu viele Erinnerungen an Yun". Sie waren von meiner Idee ein Roboter zu erbauen, dem Yun glich, nicht besonders begeistert.
»Tut mir leid«, sagte Yun und stand auf. »Es tut mir wirklich leid, dass ich etwas so Privates einfach weitererzählt habe ...«
»Schon gut«, sagte ich mit leichter Erschöpfung im Ton und nahm ihn in meine Arme.
»Könntest du mir Tränendrüsen einbauen? In so einer Situation würde ich gerne weinen können.«
»Klar doch.« Ich schmunzelte und schaute kurzerhand wieder zum Grab. »Wir sehen uns bald wieder«, sprach ich in dessen Richtung, ehe wir zurück zum Auto liefen.

Die Fahrt nachhause verlief ziemlich ruhig. Weder Yun, noch ich sagte etwas. Die Sterne waren diese Nacht am dunklen Himmel gut zu erkennen. So auch der Mond, welcher uns etwas Licht ins Auto scheinen ließ.
»Höre zu«, fing ich ruhig an, ehe ich das Auto parkte. »So spät will ich mich nicht mit dir streiten. Alles ist vergessen und sowas wie heute wird nicht wieder passieren, klar?«
Mit bedrücktem Blick nickte Yun. Seine Lippen waren stark zusammengepresst. »Alles wieder gut?«
»Ja.«

Zusammen befanden wir uns im Fahrstuhl und ich bemerkte, dass etwas bei meinem kleinen Bruder rot aufleuchtete. Ich nahm seinen Arm in die Hand und krempelte sein Ärmel hoch. »Wann hast du das letzte Mal geschlafen?« Der rot leuchtende Punkt auf seinem Unterarm warnte uns vor, dass Yuns Energie bald leer war.
»Fünf, sechs Tage, schätze ich.«
»Warum hast du denn nicht geschlafen?«, fragte ich und ließ seinen Arm los.
»Mir war einfach nicht danach.« Ich seufzte. Wir stiegen aus dem Fahrstuhl. Vor der Wohnungstür kramte ich meinen Schlüssel heraus. »Du gehst jetzt schlafen und ich will nichts -« Ein dumpfer, schwerer Aufprall unterbrach mich. Sobald ich mich umdrehte, sah ich, wie Yun schlafend am Boden lag.
»Das wäre dann auch geklärt«, sprach ich zu mir selbst. Mit Mühe versuchte ich Yun aufzuheben, doch er war unfassbar schwer. Ein Körper, welcher gänzlich aus Metall bestand, war es nie.
»Verdammt«, flüsterte ich. Mit Anstrengung trug ich ihn in sein Zimmer und legte ihn auf sein Bett.

Artificial IntelligenceWo Geschichten leben. Entdecke jetzt