Sechszehn

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Status: Überarbeitet

- Yoongi -

Kurz leuchteten Yuns Augen blau und analysierten die Umgebung, ehe sie ihre natürliche Farbe wieder annahmen. Braun. Langsam, mit Bedacht, setzte er sich auf. Noch war sein Blick monoton, kalt, nichtssagend, doch sobald er mich sah, begann er zu lächeln.
»Bruder.«
Seine Bewegungen, die Stimme, alles passte und wirkte menschlich. Es war wie die von Yun ... er war Yun, mein Bruder. Mein Atem, ich merkte wie es mir schwerer fiel und der Druck in meiner Lunge stieg. Besorgt blickte mein Bruder mich an, und nahm mich in die Arme. Wie damals, er ließ sich immer in Umarmungen fallen, doch er war nun schwerer, um einiges schwerer. Man musste damit rechnen, hätte ich dies nicht getan, wären wir gefallen. Metall und Eisen in Menschen großer Form war nicht besonders leicht zu tragen. Leider bestand er nicht mehr aus Fleisch und Knochen. Doch das mindeste war ich tun konnte, war dem neuen Yun seine Bipolare Störung zu ersparen. Er sollte nicht nochmal sowas durchmachen, das hatte er nie verdient.
»Warum weinst du?«
»Yun«, schluchzte ich und schlang meine Arme fest um ihn, meine Nase vergraben in seinen Haaren. »Ich habe ...«, stotterte ich und atmete dann stockend ein. »Ich habe dich so sehr vermisst.« Ich konnte meine Tränen nicht mehr stoppen. Sie rannten ein Wettrennen nach dem anderen meinen Wangen herunter. Mein Bruder wieder in meinen Armen zu halten, das war etwas, was ich mir nur in ferner Zukunft vorstellen konnte, wenn überhaupt.
Er war wieder hier.
Nach einigen Sekunden bloßem herumstehen, spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war Jins, er lächelte mich aufmunternd und stolz an. Auch ich war stolz auf ihn, auf seine Bereitschaft mir zu helfen und dessen Erfolg.
Yun löste sich von mir und schaute mir in die Augen. In ihnen blitzte Sorge und Verwirrung auf. Es schien mir, als blickte ich die echten Augen meines Bruders. Als wäre er nie gestorben, als hätte ich nie seine Beerdigung miterleben müssen.
»Habe ich etwas verpasst?«, fragte er.
»Eine ganze Menge, kleiner«, sprach Jin und ergatterte einen immer mehr verwirrten Blick Yuns.
»Wer bist du?«
»Ein Freund deines Bruders. Und sein Mitarbeiter, er ist mein Chef.«
Dann begann Yun zu lächeln und reichte Jin die Hand. »Ich bin Yun.«
»Ich weiß«, sagte Jin und schüttelte die Hand. »Dein Bruder hat mir viel von dir erzählt.« Dann blickte Jin zu mir. Ernster, kein Lächeln mehr.
»Ja?« Meine Stimme war angeschlagen. Er zog mich ein wenig von Yun weg, und ich sagte: »Wir reden kurz. Bin gleich wieder bei dir.« Lächelnd nickte Yun. Er hatte sogar dasselbe Lächeln.
»Du hast doch vor ihm zu sagen, dass er kein Roboter ist, oder?«
»Ich, äh ...«
»Boss.« Jin wurde leiser, lugte kurz zu meinem Bruder herüber.
»So wie es scheint, weiß er nicht, was abgeht. Wir können uns nicht sicher sein, ob er wirklich zu 100 Prozent wie ein Mensch fungiert. Wir hatten nicht genug Zeit für jedes kleinste Detail. Es ist besser, wenn er es von Anfang an weiß. Es gibt bestimmt noch Dinge, die er lernen muss.«
Jin hatte recht. In den letzten fünf Monaten konnte ich nicht alles überprüfen. Es gab Dinge, die hatte ich noch nicht einprogrammiert oder eingebaut. Ich würde erst mit der Zeit erfahren, was ihm fehlte. Denn von nun an musste ich mich mehr auf Jimin konzentrieren.
Trocken schluckte ich und nickte. »Bald.«

»Es sieht alles auf einmal so anders aus. Wann hast du die Zeit gefunden, alles zu umdekorieren?« Es war das Erste, was Yun auffiel, als er nach so vielen Jahren wieder die Wohnung betrat. Er selber wusste nicht, dass zwölf Jahre vergingen. In den vergangenen Jahren hatte dieser Ort ein paar Veränderungen durchmachen müssen. Vor allem, nachdem Jimin hierherzog.
»Ja ... das erkläre ich dir später, ja?« Zustimmend nickte Yun und schaute auf die Uhr. Seine Augen weiteten sich und er staunte. »Yoongi, hast du auf die Uhr geschaut? Es ist schon viel zu spät. Ich muss morgen in die Schule.«
Ich sagte nichts, presste bloß meine Lippen zusammen. Sorgen um die Schule musste er sich nicht mehr machen. Meine Mundwinkel setzten mir ein Lächeln auf und mit der Hand wuschelte ich durch seine Haare, ehe ich mich ins Schlafzimmer begab. Die Koffer waren bereits gepackt, während Jimin auf dem Bett lag, tief und fest schlief. Er dachte, ich würde es nicht schaffen. Mein Verlobter hatte an schienend nicht die kleinste Hoffnung gehabt, ich würde es schaffen. Es stimmte mich traurig. Das erste Mal, indem kein Glauben in mich lag ...
Er hatte sich in eine Decke gerollt. Vorsichtig, nicht zu laut, ging ich auf ihn zu und rüttelte an seiner Schulter. Müde gab er ein Brummen von sich, seine Augen blieben geschlossen.
»Liebling, wach auf. Ich möchte dir etwas zeigen.«
Seufzend setzte Jimin sich auf. »Was ist denn so wichtig?«, fragte er, während er sich die Augen rieb. Sie waren rot und geschwollen, wohl vom ganzen Weinen.
»Komm einfach mit.« Zusammen betraten wir das Wohnzimmer. »Wie?«, stotterte Jimin verwundert, doch auch erleichtert, als er Yun auf dem Sofa sitzen sah. Wie bei mir zuvor im Labor bildeten sich Tränen bei meinem Verlobten. Voller Stolz lächelte ich ihn an. »Ich sagte doch, dass ich es schaffen werde.«
Jimin wartete nicht, er ging direkt auf Yun zu und nahm ihn in seine Arme.
»Ich wusste gar nicht, dass du hier bist, Jimin«, lachte mein kleiner Bruder. »Aber was ist mit euch allen los. Kann mir das einer erklären?«

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