Sechsundzwanzig

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Status: Überarbeitet

- Yoongi -

»Es freut mich sehr, dass Sie sich die Zeit genommen haben.« Wir schüttelten uns die Hände und betraten das Café, dich gefolgt von Yun, welcher genervt schmollte.
»Wieso denn so ein langes Gesicht?«, fragte der Doktor, ehe wir uns setzten. Bockig lehnte Yun sich mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl nach hinten.
»Er wollte nicht mit«, sagte ich und schaute mein Bruder an. »Verstehe ...«, begann Dr. Kim. »Ich muss zugeben, ich bin noch immer von Ihrer Arbeit fasziniert, Dr. Min.«
»Nennen Sie mich Yoongi.«
Der Doktor nickte. »Dann bitte ich Sie mich Namjoon zu nennen.« Namjoon blickte zu Yun. »Wüsste ich nicht von ihrem Projekt, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass - Yun, richtig?« Yun nickte. »Dass Yun keinesfalls menschlich ist. Ein Roboter, welcher sich perfekt unter den Menschen mischen kann. Er kann doch Nahrung zu sich nehmen, oder?«
Stolz nickte ich zur Bestätigung und sah, wie Namjoon erstaunt seine Augenbrauen hob. »Das kann er«, sagte ich. »Er bekommt ehrlich gesagt gar nicht genug.«

Sobald wir etwas bestellt hatten und mein kleiner Bruder sein Kuchen und Muffin gierig aß, starteten ich und der Doktor erneut ein Gespräch.
»Ich hatte ja gar keine Ahnung, dass Sie einen Sohn hatten und verheiratet waren.«
»Ich hatte auch nie etwas darüber preisgegeben«, sagte Namjoon und nahm einen großen Schluck seines Tees. »Wir teilen und dasselbe Schicksal, Yoongi. Wir beide haben jemanden verloren, der uns wichtig war. Ich kann Ihren Schmerz voll und ganz verstehen.« Ich brummte verstehend und trank einen Schluck Kaffee. Während unserem Gespräch, erzählte ich ihm, dass ich meinen Bruder verloren hatte. Jedoch wusste er nicht, dass Yun sein Duplikat war. In Interviews, Dokumentationen seiner Kreationen und auch live war Dr. Kim immer seriös und konzentriert. Ich begann zu glauben, dass er von Natur aus so war. Noch nie hatte ich diesen Mann aufgedreht und unkonzentriert gesehen.
Es lag mir eine Frage auf der Zunge, doch ich wusste nicht, ob ich sie einfach stellen durfte. Sie war persönlich, ich wollte ihn nicht verärgern. So sammelte ich meinen Mut, ehe ich sie stellte. »Darf ich Sie etwas Persönliches fragen, Namjoon?«
»Schießen Sie los.«
Ich blieb still, ehe ich zum Reden ansetzte. »Wann ist Ihr Sohn denn verstorben?« Ich war mir nicht sicher, warum ich es wissen wollte. Es interessierte mich einfach, aber warum?
»Das ist tatsächlich sehr persönlich.« Dr. Kim schien damit gar nicht gerechnet zu haben, und das, obwohl wir dieses Thema angebrochen hatten.
»Letztes Jahr mit 21 Jahren. Sie müssen wissen, ich bin sehr früh Vater geworden. Schon mit 18 Jahren. Ich hatte ziemliche Angst, dass jemand davon erfahren würde. Meine Eltern waren alles andere, als stolz auf mich. Ich dachte, die Außenwelt reagiert genauso ... Ich habe mich bereits vor langer Zeit von seiner Mutter getrennt. Wir waren nur am Streiten, und ineinander verliebt waren wir auch nicht mehr. Ich denke immer noch, dass die Scheidung eine richtige Entscheidung war. Während meiner Ehe, litt mein Sohn unter all unserem Streit sehr ... jedenfalls bekam ich nach der Scheidung das Sorgerecht und unser Leben besserte sich. Natürlich behielt er Kontakt zu meiner Exfrau.« Namjoon seufzte. »Seine Noten wurden besser und er hat angefangen mehr zu lachen. Mit 17 fand er dann seine Freundin ... die beiden bauten unglücklicherweise einen schlimmen Autounfall. Sie starben, und ich bin jetzt allein.« Er schwieg für einen Moment und ließ den Moment einwirken. Ich sagte nichts, ich wollte ihn nicht unterbrechen.
»Jetzt wissen Sie alles«, sagte er. »Meine Geschichte, wie sie begann, und endete. Mehr oder weniger.« Dr. Kims Augen wurden glasig und begannen zu tränen. Schnell wusch er sie weg und schniefte einmal.
Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass alles auf einmal kam. Auch Yun hörte mit dem Essen auf und gab Namjoon einen bemitleidenden Blick.
»Ich war mal Yoongis Bruder«, haute er raus. »Nun ja, nicht ich, aber ich sehe aus wie der echte Yun. Ich handle und höre ich wie er an. Ich soll ihn praktisch darstellen, da mein Bruder - Yuns Bruder? Nicht mit seinem Tod klarkam. Es hat zwölf Jahre gedauert, und damit die Beziehung zu seinem Verlobten aufs Spiel gesetzt.«
Am gestrigen Tag fragte er mich, warum ich ihn doch erbaute. Ob es einen tiefen Grund dafür gab. Er wusste, warum er hier war, aber wollte mehr erfahren. Natürlich erzählte ich es ihm, denn ich wollte keine Geheimnisse vor Yun haben. Hätte ich gewusst, dass er alles ohne mein Einverständnis einem mir noch bloß bekannten Mann erzählen würde, hätte ich meine Fresse gehalten.
»Yun!«, sagte ich streng.
»Was? Ich finde, er hatte das Recht, es zu erfahren!«
»Schon gut«, gab Namjoon von sich. »Diese Information ist in guten Händen ... Ich hatte ja nicht gewusst, dass Yun Ihr Bruder war. Eine erstaunliche Idee, ein Duplikat eines verlorenen Familienmitglieds zu erbauen. Da hat man zumindest das Gefühl, sie wären noch unter uns ... Yoongi?«
Namjoon in die Augen blickend hob ich eine Augenbraue. »Ja?«
»Ich bitte Sie - nein, ich flehe Sie an. Erlauben Sie mir, mit Ihren Bauplänen einen Doppelgänger meines Sohnes zu kreieren. Ich werde sie nicht kopieren oder stehlen. Bloß ausleihen. Wenn es seien muss, können sie dabei sein, während ich am Arbeiten bin ... aber bitte.« Das letzte Wort flüsterte er.
Ich kaute auf meiner Unterlippe und dachte nach. Seufzend nickte ich. »Sie haben meine Erlaubnis.«

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