Mir war nicht mehr aufgefallen, dass nur wir in diesem Park waren. Na ja, nicht allein. Wir und das Personal, aber keine anderen Touristen. Es lag sicher daran, dass Kyle eine Aura hatte, die mich komplett einnahm und dazu brachte die Umgebung auszublenden. Er war ein Risiko, kein Abenteuer. Mein Herz an jemanden wie ihn zu verlieren, würde nur dazu führen, es mir ein weiteres Mal brechen zu lassen. Nicht, weil Kyle wie ein typischer Frauenheld wirkte. Sondern ich realistisch die Chancen abschätzte, die wir beide auf ein für immer hatten. Wäre das hier ein Netflixfilm, würde das alles mit einem Fingerschnippen geklärt sein. War es aber nicht. Und so versuchte ich jeden Gedanken daran, welche Wirkung Kyle auf mein Herz haben konnte, zur Seite zu schieben.
Es war dunkel, als wir zurückkamen, und damit der erste Abend, an dem wir nicht im Luc saßen, sondern ich todmüde ins Bett fiel. Das Foto von Kyle und mir schaffte es, mein neuer Hintergrund zu werden. Zum einen ermöglichte es mir sein beinahe unsichtbares Lächeln auf seinen Lippen ansehen, wann immer mir danach war. Zum anderen stand dieses Bild für einen Neuanfang. Nichts würde mehr so sein, wie es war, wenn ich nach London zurückkommen würde, und zum ersten Mal fühlte es sich auch so an. Mein eigenes Lächeln auf diesem Foto zeigte deutlich, das Wes und all seine Schikanen hinter mir lagen.
»Was liest du, Prinzessin?« Erschrocken fuhr ich zusammen. Ich war der Meinung, er sei vorhin in die Stadt gefahren. Vielleicht war ich nur zu sehr in das Buch vor mir vertieft, um zu merken, dass Kyle zurück war.
»So grün war mein Tal.« Ich klappte den alten Schmöker zu, nicht ohne den beigelegten Faden auf die Seite zu legen, auf der ich eben gelesen hatte.
»Sieht alt aus.« Kyle ließ sich in den Sessel mir gegenüber fallen.
»Es ist alt. Ich habe es in dem Schrank voller Bücher entdeckt. Das einzige, auf englisch.«
»Es scheint dennoch fesselnd zu sein, wenn du nicht mal mitbekommen würdest, dass jemand das Haus betritt.« Er griff nach meiner Teetasse und nahm einen Schluck. »Keine Milch?«
»Das ist Früchtetee und ja, es ist gut. Nur weil es alt ist, ist es nicht schlecht.«
»Ihr macht in allen Tee Milch.«
»Machen wir nicht.« Ich lehnte mich wieder zurück und schlug das Buch auf. Das Kyle sich ganz selbstverständlich an meinen Sachen bediente, war ich schon gewohnt.
»Um was geht es?«
»Um ein kleines Dorf in Wales, das vom Bergbau lebt und am Ende daran zugrunde geht.«
»Kling ein bisschen zu melancholisch für eine Urlaubslektüre.« Er schlug die Beine übereinander, musterte mich, während er meinen Tee trank. Grenzen, vor allem Persönliche waren ihm ein Fremdwort. Anfangs war es nicht leicht gewesen, damit klarzukommen. An manchen Tagen war Kyle offen und direkt. Es wirkte, als würden wir uns seit Kindertagen kennen. Und dann gab es Tage, an denen wirkte er in sich gekehrt. Schien seinen Gedanken nachzuhängen, die nicht erfreulich waren. Er konnte zwischen diesen beiden Welten innerhalb weniger Sekunden wechseln.
»Die Auswahl war leider begrenzt, da ich kein französisch spreche« Ich zuckte die Schultern.
»Ein perfekter Moment es zu lernen.« Er grinste in den Tee hinein und wäre das Buch nicht so alt, wie gerne hätte ich es nach ihm geworfen. Denn Doppeldeutigkeit gehörte ebenso zu seinem Repertoire.
»Hast du keine verrückten Abenteuer, die auf dich warten?«
»Wenn du lust hast, könnten wir uns nachher Quebec bei Nacht ansehen. Das sollte weit oben auf deiner Liste stehen. Allein das Château ist ein Traum und die Altstadt.«
»Beinhaltet dieser Ausflug einen Fallschirmsprung, oder das Abseilen von Klippen?«, murrte ich leise und sah über den Rand meines Buches hinweg zu ihm.
»Wenn du lust hast, kann ich gerne was arrangieren, aber tatsächlich wollte ich dir einfach die Altstadt zeigen.« Er trank weiter von meinem Tee. »Der ist wirklich gut.«
»Die Packung steht oben im Apothekerschrank. Du kannst dir gerne selbst einen aufgießen.« Ich rollte die Augen.
»Ein von dir aufgegossener Tee, schmeckt aber besser.«
Bei seinen Worten schüttelte ich den Kopf und legte das Buch endgültig zur Seite.
»Schneidet dir deine Mutter auch noch deine Äpfel klein?«
Er zuckte die Schultern und trank den letzten Schluck des Tees genüsslich aus. »Kommst du nun mit in die Stadt? Oder werde ich einen wundervollen Abend ohne dich verbringen?«
»Gib mir zehn Minuten.«
»Die erste Frau, die ich treffe, bei der zehn Minuten tatsächlich sogar nur neun bedeutet.« Er stellte die Tasse auf dem Tisch ab und deutete mir an, hier zu warten.
»Dann triffst du eindeutig die falschen Frauen.« mit diesen Worten schlüpfte ich durch die Tür in Richtung Anbau. Ich sollte mich nicht auf Kyle allein verlassen und schon längst andere Backpacker treffen, mit denen ich dann weiterziehen würde. Ein Grund, warum wir oft im Luc waren. Der Gedanke weiterzuziehen, fühlte sich längst falsch an. Ich lehnte mich gegen die Tür und holte Luft. Ich war tiefer in dieser Sache drin, als ich bereit war, zuzugeben. Es war nicht leicht, zu durchschauen, ob er flirtete, oder es seine freche Art war und er mit jedem Menschen so sprach. Aber Kyle hatte mich längst um den Finger gewickelt.
In einer Sache hatte er recht. Ich war eines der Mädchen, die zehn Minuten sagte, aber nur einen Bruchteil, dessen brauchte. Ich schlüpfte in bequeme Turnschuhe und schnappte nach dem schwarzen Parker, an den ich mich längst gewöhnt hatte. Meine graue Mütze stopfte ich in die Jackentasche, ehe ich das Portemonnaie griff und es in die Hosentasche steckte.
»Bekommt euch mal ein, es ist ja nicht so, als wäre ich spurlos verschwunden.« Kyles Stimme ließ mich innehalten. Das klang nach einem Streitgespräch. Unschlüssig blieb ich hinter der Tür stehen.
»Nein, eine Auszeit. Von ihr, von euch, von all dem Mist.«
Ihr? Ich lehnte mich gegen die Wand, schloss die Augen, hörte Schritte auf die Tür zugehen.
»Gott, es ist Kanada und nicht der Mars.« Dann entfernte er sich wieder. »Und um die Frage zu beantworten, Nein.«
Wenn ich seine Aussage bestätigen wollte, dass ich weniger als zehn Minuten brauchte, müsste ich jetzt sein Telefonat unterbrechen. Langsam öffnete ich die Tür und lugte hinein.
»Nolan, ich muss schluss machen. Sie sollen sich keine Sorgen machen.« Er rollte die Augen und deutete mir an, ruhig hinein zu kommen, anstatt weiter an der Tür zu stehen.
»Mach ich nicht, keine Sorge. Bye.« Er steckte das Telefon in die Hosentasche. »Wie immer verlässlich überpünktlich.«
Unsicher biss ich mir auf die Unterlippe. Was war eine angemessene Reaktion, auf ein belauschtes Telefonat. Eines, das nach einem Streitgespräch klang. Ihn fragen, ob alles okay war?
»Wir müssen nicht fahren, wenn...«
»Es ist alles okay Mia. Meine Familie ist ein riesiges Chaos. Sie können nicht verstehen, das ich manch mal einfach raus muss um überhaupt weitermachen zu können.« Er versenkte seine Hände tief in den Hosentaschen und sah aus, als würde er sich gerne mit einem lauten Seufzen in einen der Sessel fallen lassen.
»Das klingt eher nach einer Flucht, als nach einer Auszeit.«
»Nicht immer bedeutete das zu tun, was man liebt, auch das tun zu können, was man will.« Er zuckte kurz die Schultern. »Aber vielleicht willst du ja meine Komplizin bei dieser Flucht sein.« Da war es wieder, dieses sanfte Lächeln.
»Habe ich eine andere Wahl?«
»Wenn ich so dadrüber nachdenke, nein. Du steckst schon viel zu tief drin, Prinzessin.«
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behind the curtain
Romance»Siebzehn Stunden Flugzeit, sieben Stunden Zeitunterschied, siebentausend Meilen« Eine Auszeit in Kanada, fern ab ihres Ex-Freundes Wes, um ihre Muse zu finden. Das klang bei einer Flasche Rotwein für die junge Autorin Mia Hayes noch wie ein guter P...
