Kapitel 117 - Der Brief

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Raven

"Können wir nochmal bei Scar vorbeifahren?", frage ich Harry, der gerade aus unsrem Hof fährt, um wieder nach London zu fahren.

Mittlerweile ist es schon acht Uhr abends und allein der Abschied von meinem Dad hat eine Stunde gedauert. Er war wirklich traurig, dass wir wieder fahren, denn theoretisch haben wir kaum Zeit mit ihm verbracht. Mir tut es für ihn unheimlich Leid, dass ich wieder nach London muss, weil er jetzt wieder für die nächsten Wochen allein sein wird. Ich habe ihm dieses Wochenende mindestens zehn Mal gesagt, dass er sich endlich mal eine Freundin suchen soll, damit er seine Zeit nicht allein verbringen muss. Ein Leben aus Arbeit und Langweile gönne ich ihm einfach nicht. Er ist zwar - wie immer - diesem Thema aus dem Weg gegangen, aber ich hoffe trotzdem, dass er irgendwann wieder eine nette Frau kennenlernt, die er tatsächlich liebt.

"Klar, kein Problem", antwortet Harry.

"Hoffentlich ist sie Zuhause, ich will sie unbedingt nochmal sehen." Ich seufze und sehe aus dem Fenster. "Sie sah gestern Abend wirklich fertig aus."

"Hatte sie schon immer so einen Faible für großkotzige Arschlöcher?"

"Oh ja. Sie hatte schon viele Freunde und fast alle von denen waren einfach unter ihrem Niveau. Aber Danny ist wirklich zehn mal schlimmer, als alle Typen davor. So, wie er sich gestern verhalten hat, war einfach widerlich. Ich meine, wie kann er einfach behaupten, dass du Scar anmachen würdest? Ich saß genau neben dir!" Aufgebracht wedle ich mit den Händen umher.

Harry lacht. "Ganz ruhig!"

"Ich könnte mich einfach den ganzen Tag über diesen Typ aufregen", stöhne ich. "Und jetzt will sie auch noch mit ihm zusammenziehen! Ich versteh einfach nicht, wie sie so naiv sein kann. Ich meine, sie hat doch selbst behauptet, dass sie mir glaubt, dass Danny mich so angemacht hat an ihrem Geburtstag. Wieso also hängt sie ihm dann noch hinterher?"

"Hmm", macht Harry. "Vielleicht liebt sie ihn?"

Ich schnaube. "Wie kann man so jemanden wie Danny lieben?"

"Raven, du kennst die Beziehung von den beiden doch nur oberflächlich. Vielleicht ist er ganz anders, wenn sie allein sind. Denk an die Geschichte von Tessa Young und Hardin. Hardin ist ein absolut widerlicher Kerl gewesen, doch sie hat ihn trotzdem geliebt."

Ich seufze. Das war wirklich ein guter Vergleich. "Es ist für mich einfach so unverständlich, wie man so ein Verhalten akzeptieren kann. Überleg mal, Danny hätte sich tatsächlich gestern einfach mit dir geprügelt, wegen so einem nichtigen Grund."

"Und das ist ja wohl mal der bescheuertste Gedanke der Welt. Ich hätte den Kerl natürlich fix und fertig gemacht", sagt Harry mit einem ironischen Unterton und hält vor Scar's Haus.

"Wahrscheinlich", lache ich laut und öffne die Tür. "Du kannst im Auto bleiben, es dauert nicht lange."

Er nickt und ich steige aus. Meine Hoffnung Scar jetzt zu sehen ist sofort gestorben, als ich gemerkt habe, dass ihr Auto nicht im Hof steht. Wahrscheinlich ist sie wieder bei Danny, das hätte ich mir eigentlich vorher schon denken können. Aber ich klingel trotzdem, vielleicht hat sie ihr Auto einfach irgendwo anders.

Ihre Mutter öffnet mir die Tür und lächelt mir mit ihren weißen Zähnen entgegen. Selbst an einem Sonntagabend sieht sie noch total gut aus. Kein Wunder, denn Scar's Familie besitzt überdurchschnittlich viel Geld und ihre Eltern achten sehr auf Seriosität.

Wahrscheinlich sucht sich Scar deshalb immer so aufmüpfige Freunde, um ein wenig gegen ihre Eltern rebellieren zu können. Sie war schon immer sehr gegensätzlich zu ihnen.

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