Kapitel 144 - Er ist nur ein Freund

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"Und dieser Typ hat wirklich die ganze Zeit gespuckt, während er geredet hat", erzählt Harry, als ich mich gerade ins Bett lege. "Ständig musste ich mir durch das Gesicht wischen und wenn man nicht zwei Meter Abstand genommen hat, stank er ständig nach Fisch. WIe funktioniert sowas? Sollten Literaten nicht eigentlich gepflegte Genies sein?"

Ich kichere und lege meinen Laptop auf meinen Schoß. "Hat er denn viele Änderungen an deinem Buch vorgenommen?"

Harry und ich skypen schon seit einer Stunde. Als ich sein Gesicht endlich wieder sehen konnte, musste ich mir heftig die Tränen unterdrücken. Auch, wenn ich ihn nur über den Bildschirm sehen kann ist es schön, endlich wieder in seine schönen grünen Augen und seine süßen Grübchen sehen zu können.

Harry sitzt in einem Café in Los Angeles. Er hat sich sofort in L.A. einen Laptop gekauft, damit er mich über Skype anrufen kann.

"Er wollte sogar so Einiges verändern", meint Harry und blättert durch sein Buch, das er vor sich liegen hat. "Zum Beispiel hat er solche Dinge wie, wenn ich schrieb: Seine Mutter sagte, da schrieb er Die Mutter sagte. Wen interessiert es denn, ob da jetzt Seine Mutter oder Die Mutter steht? Man, der kann sich seine Quängeleien sonst wo hinstecken."

"Hey, er ist ein Professor! Professoren haben immer Recht."

Er seufzt und klappt legt das Buch wieder weg. Dann fährt er sich stöhnend durch die Haare. "Die ganze Sache war einfach total für den Arsch. Wir sind vollkommen umsonst nach L.A. geflogen und jetzt muss ich auch noch wieder zurück fliegen."

Mein Lachen geht in ein Gähnen über. "Weißt du, man kann gegen Flugangst eine Therapie machen, wenn du zu viel Schiss hast."

"Ich hab kein Schiss. Ich mag - "

"Du magst einfach nur Flugzeuge nicht, schon klar." Ich verdrehe die Augen. Lege den Laptop neben mein Kopfkissen und lasse mich in das Kissen fallen, damit ich im Liegen betrachten kann. Ich bin unheimlich müde. Es ist schon halb zwölf. "Wie viel Uhr ist es eigentlich gerade bei dir?"

Er sieht auf seine Armbanduhr. "Halb 5 nachmittags. Bei dir ist es schon sehr spät, nicht wahr?"

Müde nicke ich. "Ja, halb zwölf." Als ich sehe, dass Harry einen mitleidigen Gesichtsaudruck im Gesicht hat, füge ich noch lächelnd hinzu: "Aber das ist nicht schlimm. Ich bin froh, dich endlich mal wieder sehen zu können."

Harry lächelt leicht. Dann sagt er mit einem Seufzer: "Ich kann es nicht erwarten dich endlich wieder in echt zu sehen. Du fehlst mir unglaublich." 

Sofort verschwindet mein Lächeln. "Du fehlst mir auch... Ohne dich ist hier alles ätzend. Der einzige Moment in dem ich heute mal wirklich zufrieden war, war als ich mit Ben Bronnie getroffen habe."

Ein seltsamer Ausdruck schleicht sich auf Harry's Gesicht. Er hebt die Brauen. "Du warst mit Ben im Krankenhaus? Ich dachte, du hast sie einfach so besucht?"

Sofort pumpt mein Herz.

Stimmt ja. Harry kann Ben ganz und gar nicht ausstehen.

"Ähm, ja, ich war mit Ben da", sage ich unsicher. "Ich habe ihn zufällig in der Stadt getroffen und dann hat er mich mitgenommen."

Harry's skeptischer Blick entgeht mir nicht. Er muss denken, ich würde anlügen, denn ich habe ihm schon beim letzten Mal gesagt, dass ich Ben zufällig in der Stadt getroffen habe.

Doch er meinte doch, dass er mir nichts verbieten möchte.

Was rede ich mir eigentlich ein? Natürlich will er nicht, dass ich mit Ben so viel umgehe. Wie konnte ich das nicht schon vorher merken? 

Sollte ich ihm von dem Ball erzählen?

"Ben ist nur ein Freund", versuche ich Harry ein wenig zu beruhigen. Ich sehe ihm an, dass er gerne etwas dazu würden, doch er schweigt einfach und das sagt mehr als tausend Worte.

"Arschloch trifft es eher." Seine Stimmung ist ganz und gar nicht mehr belustigt. "Er weiß schon, wie man eine Situation aussnutzt. Kaum bin ich am anderen Ende der Welt denkt er, er kann die Chance bei dir nutzen."

"Er nutzt keine Chance. Außerdem gebe ich ihm gar keine, denn ich liebe dich und nicht ihn. Er ist nur ein Freund." 

Er atmet tief ein und aus und stützt seinen Kopf in die Hand. "Es ist nur so ätzend, dass ich weiß, dass er Zeit mit dir verbringen kann und ich nicht. Ich sollte bei dir sein und nicht er. Allein jetzt fällt es mir schwer nicht die Fassung zu verlieren, weil du so schön aussiehst, wenn du im Bett liegst. Die Nächte ohne dich sind reinste Folter." 

Ein kräftiger Kloß bildet sich in meinem Hals, doch ich schlucke ihn runter. "Baby... Träumst du noch von ihr?"

Das frage ich mich schon die ganze Woche, die er nicht hier ist. Er hat jede Nacht schlechte Träume von Tammy gehabt und jetzt, wo er nicht mehr da ist, weiß ich nicht, ob er sie immer noch hat. Ständig hoffe ich, dass er gut schläft, vor allem, weil er so viel zu tun hat.

Harry nickt langsam, in seinen Augen blitzt Schmerz auf. "Ja. Ja, ich träume noch von ihr."

Ich schürze traurig die  Lippen. Das dachte ich mir schon. Doch trotzdem ist es nicht weniger schmerzhaft zu wissen, dass er noch jede Nacht weinend aufwacht.

"Aber es ist nicht mehr so schlimm wie am Anfang", versucht Harry meine Stimmung zu heben. "Meine ganze Arbeit lenkt mich viel ab."

Ich versuche mir ein Lächeln zu erzwingen.

Er fehlt mir. Er fehlt mir unheimlich.

"Ich wünschte, du wärst hier", sage ich leise mit gebrochener Stimme. Meine Sehnsucht nach ihm ist unerträglich.

"Das wünschte ich auch." Er lächelt, doch es erreicht seine Augen nicht. "Ich werde morgen mit Black reden. Ich halte es keine weitere Woche ohne dich aus."

Jetzt grinse ich breit. "Das wäre toll."

Gerade als Harry etwas sagen will, ruft eine weibliche Stimme nach ihm. Er dreht sich um und eine rothaarige Frau taucht hinter ihm auf.

"Harry, wir fahren in - ", will sie sagen, doch dann sieht sie mich auf dem Bildschirm. "O."

Harry lacht und dreht sich wieder zu mir. "Baby, das ist Angie, Black's Assistentin und meine Begleiterin. Angie das ist Raven, meine Freundin."

Angie lächelt schüchtern und winkt mir leicht. "Hallo."

Ich versuche möglichst freundlich zu klingen, doch es gelingt mir ganz und gar nicht. "Hallo."

Sie scheint meine Laune zu merken und wendet sich wieder kleinlaut an Harry. "Wir, ähm, fahren in fünf Minuten." 

Ich kann sie auf Anhieb nicht leiden.

Harry nickt ihr zu. "Ja, klar, ich komm gleich." Dann wendet er sich wieder mir zu, als Angie verschwindet. "Jetzt hast du also auch mal Angie kennengelernt."

Ich nicke nur und kaue auf meiner Innenwange herum. "Ja. Sie ist toll."

Jetzt lächelt er wieder wissend. "Baby, ich liebe dich." 

Ich verdrehe nur die Augen. "Ich dich auch."

"Hey."

"Was?"

"Du bist schon wieder zickig."

"Bin ich nicht."

"Bin ich nicht", ahmt er mich mit einer Piesstimme nach.

Ich muss mir ein Lächeln verkneifen und beiße mir auf die Zunge. "Halt die Klappe."

"Also?"

"Ich liebe dich."

Merkt man mir eigentlich an, dass mich die Story momentan einfach nur noch nervt?







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