"Es wird schon deutlich besser", sagte Jake zufrieden, während er die Creme beiseitelegte. Es ist schon eine Woche her, dass er mir die Fäden gezogen und mit der Narbentherapie begonnen hat. Ehrlich gesagt konnte ich nicht wirklich beurteilen, ob es besser wurde.
Ich vermied es, auf meinen Bauch zu sehen. Ich konnte es mir selber nicht erklären, aber es kostete mich deutlich mehr Überwindung auf meinen Bauch zu schauen als auf meinen Unterarm. Natürlich war es beides Mal eine Kugel, die mich getroffen hatte, aber die Narbe an meinem Unterarm konnte ich deutlich einfacher anschauen, als die an meinem Bauch.
Die Erinnerungen an den Moment, in dem ich in den Bauch geschossen wurde waren etwas verblasst, aber ich spürte noch immer den Druck, das warme Blut und die Angst, die ich hatte. Es war schwer zu erklären, aber mit den Erinnerungen war auch irgendwie die Angst zu sterben verbunden, das war bei der Schusswunde am Arm nicht der Fall.
Klar, ich hatte die ganze Zeit Angst zu sterben, aber das bei meinem Bauchschuss war irgendwie anders und fiel mir deutlich schwerer zu akzeptieren und hinzusehen.
Abgesehen davon, ging es mir immer besser. Die guten Momente wurden mehr und die schlechten weniger schlimm. Ich wusste, dass ich noch einen weiten Weg vor mir habe, aber ich konnte einen Weg erkennen. Es war oft noch sehr schwer für mich mit allem klar zu kommen, aber ich war auch viel ausgeglichener und zufriedener als noch vor einer Woche.
Jeden Tag ging einer meiner Brüder mit mir nach draußen, auch wenn wir bisher noch Menschenmassen mieden. Dafür war ich noch nicht bereit. Ich hatte mir viele Videos und Berichte über andere Amokläufe anschaut um herauszufinden, wie andere damit umgehen, aber nichts hat mir wirklich weitergeholfen. Vielleicht muss ich einfach meinen eigenen Weg finden und akzeptieren, dass es kein richtig oder falsch gibt.
Die schlechten Momente machten mir noch immer zu schaffen, aber dafür halfen mir die guten immer weiter zu machen. Auch das meine Brüder immer für mich da waren, und mich auch nicht wenn ich mal wieder einen meiner nie aufhörend wollenden Heulkrämpfe alleine ließen und mich motivieren, wenn ich mal wieder kein Ziel und keine Verbesserung vor Augen hatte, half mir sehr weiter.
"Versink nicht schon wieder in deinen Gedanken", holte Jake mich wieder ins hier und jetzt zurück, während er mir kurz über die Wange strich, "was willst du den restlichen Tag machen? Sollen wir in einen Buchladen gehen und ein paar neue Bücher kaufen?".
Ich zögerte kurz, aber schüttelte dann leicht mit dem Kopf. Ich hätte Lust in einen Bücherladen zu gehen, aber ich glaube nicht, dass ich bereit dazu war. Es war das eine hier in der Gegend herum zu laufen, aber etwas anderes in einen geschlossenen Raum mit fremden Menschen zu gehen.
"Sollen wir es versuchen? Wir können jederzeit umdrehen", fragend sah Jake mich an. "Und was, wenn ich es wirklich nicht kann?", nuschelte ich leise. "Dann ist das nicht schlimm, aber ich bin überzeugt davon, dass du das kannst. Wäre ich das nicht, würde ich nicht nachfragen. Du bist soweit wieder unter Menschen zu gehen und ein Buchladen ist ein guter Anfang dafür.
Es ist ruhig, nicht voll und meist nur ältere Menschen, denen du schon ganz anders begegnest als jemandem in deinem Alter. Und wenn du doch nicht möchtest und es dir nicht zutraust, drehen wir wieder um. Du sollst dich nicht überfordern, aber manchmal muss man einen Schritt nach vorne machen, auch wenn man sich noch nicht bereit dazu fühlt", erwiderte Jake.
Wahrscheinlich hatte er Recht, würde es mich nur nicht so viel Überwindung kosten. "Okay", sagte ich zögerlich nach ein paar Sekunden bevor ich aufstand. Der Weg zum Auto und die Autofahrt verlief ruhig und ohne, dass mich unwohl fühlte. Als Jake allerdings vor der Buchhandlung parkte wurde ich doch etwas nervös.
Es fiel mir einfach alles noch bisschen schwer, vor allem zu akzeptieren, dass ich meine Umgebung nicht beeinflussen konnte und jederzeit wieder angeschossen werden kann. In den ganzen Filmen sieht es immer so leicht aus, als würde das einen oder das Leben überhaupt nicht verändern, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Es veränderte einfach alles.
Jake stieg aus und lief zur Beifahrertüre, welche er mir öffnete. Zögerlich löste ich den Gurt und stieg aus. Sofort veränderte sich alles. Nervös sah ich mich um und meine Augen sprangen zwischen den ganzen Menschen die hier vorbeiliefen hin und her. "Es ist alles gut, Prinzessin", sagte Jake ruhig wie immer.
Ich hielt mich etwas an seinem Arm fest, während wir in die Buchhandlung liefen. Es war alles sehr viel für mich und ich wusste nicht genau, wie ich damit umgehen soll. Auch in der Buchhandlung sah ich mich sofort um, aber außer 3 älteren Frauen konnte ich niemanden entdecken. Ich spürte wie etwas Anspannung von mir abfiel.
Jake lief mit mir in die Jugendliteratur Abteilung, wo ich mich langsam von seinem Arm löste und mich nach neuen Büchern umsah. Gerade zu Beginn sah ich trotzdem alle paar Sekunden ob mein Bruder noch neben mir stand, aber er ließ mich nicht alleine.
Mit der Zeit konnte ich etwas mehr entspannen und mich auf die Bücher konzentrieren. Wir waren eine gute halbe Stunde in dem Buchladen, bevor wir mit 5 neuen Büchern wieder zu Jakes Auto liefen.
Der Amoklauf ist nun schon wenige Wochen her, aber zum Teil war es immer noch ein wenig surreal, auch wie sich mein Leben seitdem entwickelt hatte. Es fiel mir oft noch sehr schwer zu akzeptieren, dass ich so ängstlich und so sehr auf meine Brüder angewiesen war. Außerhalb des Hauses und selbst noch immer bei manchen Sachen zuhause, war ich bei weitem nicht so selbstständig wie vor dem Amoklauf und ich brauchte bei den kleinsten Dingen Hilfe. Es war schwer das alles zu akzeptieren, jetzt, wo es eigentlich in die andere Richtung gehen und ich selbstständiger werden wollte...
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Big Brothers 8
AbenteuerDer 8. Teil von Big Brothers. Beginnt am besten bei Teil 4, alles andere davor ist sehr schlecht geschrieben.
