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Mila POV

Es war alles so viel. Die vielen Menschen. Die Lautstärke. Alles war total voll und unübersichtlich.

Die Schule hatte ein kleines, eckiges Podest in die Mitte des Sandes gestellt. Darauf waren große Bilder von allen getöteten Schülern und Lehrern. Die Menschen versammelten sich darum, hielten sich in den Armen und weinten. Es war so viel Trauer, Schmerz und Leid.

Alleine das zu sehen, zerriss mich gefühlt innerlich.

Die Frage nach dem ‚Warum' kam mir wieder in den Kopf, obwohl ich wusste, dass es darauf keine zufriedenstellende Antwort gab.

Es waren so viele Schüler, Lehrer und Eltern hier, es waren bestimmt weit über 2000 Menschen. „Sollen wir etwas Abseits hin stehen? Von dort aus können wir noch immer näher zu den anderen gehen, wenn du möchtest", schlug Alex vor, was ich mit einem leichten nicken beantwortete.

Ich fühlte mich unwohl und hatte Angst, aber ich musste das machen. Langsam löste ich mich von Alex. Meine Beine fühlten sich an, als würden sie jeden Moment unter mir nachgeben, während ich mit langsamen Schritten über die Promenade und auf den Sand zulief.

Mit jedem Schritt war es, als würden sich Scheuklappen auf meine Augen legen und Watte in meinen Ohren wachsen. Ich sah nur noch, was direkt vor mir geschah, alles andere war schwarz. Leise hörte ich die gedämmten Stimmen der Menschen um mich herum, als Alex und ich abseits im Sand stehen blieben.

Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Brust meines Bruders und sah mir das erste Mal die Bilder auf der Empore an. Die Schüler, die ich eigentlich alle vom Sehen kannte, lächelten in die Kamera. Ihre Augen strahlten, es war ihnen anzusehen, dass sie Spaß hatten, als die einzelnen Bilder entstanden sind. Spaß, den sie nie wieder haben werden.

Ich spürte, wie sich langsam etwas in mir Veränderte. Die Trauer und der Schmerz wichen beiseite und ich fühlte von Sekunde zu Sekunde weniger. Es war, als wäre ich nicht mehr ganz bei mir und nicht mehr im hier und jetzt. Alles was blieb, war das Unwohlsein.

Wie in Trance beobachtete ich, wie der Schulleiter die Empore erklomm und zum Mikrophon griff. Ich hörte und verstand seine Worte, aber sie kamen nicht in meinem Kopf an. Teilnahmslos starrte ich zu ihm und den anderen Lehrern und Schülern die zum Mikro griffen, bevor sich alle am Meeresrand versammelten und für jeden verstorbenen Schüler und Lehrer eine Rose ins Wasser geworfen wurde.

Mein Blick fiel auf Menschen, die heulend im Sand saßen und diejenigen, die versuchten ihnen Trost zu spenden. Es war ein herzzerreißendes Bild.

„Mila", hörte ich Alex gedämmte Stimme, aber ich reagierte nicht. Ich spürte, wie er sanft seine Hände auf meine Oberarme legte und mich um 180° drehte, sodass ich nun in sein Gesicht sah. „Ich denke es wird Zeit, dass wir nach Hause gehen".

Noch während er das sagte, spürte ich wie mir plötzlich Kotzübel wurde. Gerade noch rechtzeitig drehte ich mich zur Seite, bevor ich mich in den Mülleimer übergeben musste. Sofort spürte ich wieder den Schmerz in meinem Bauch, während mir Alex die Haare zurück hielt.

Nach mehrmaligem Würgen stellte ich mich wieder aufrecht hin, drohte jedoch vor Erschöpfung gleich wieder umzufallen. „Das kommt von dem Stress, der durch deine Angst ausgelöst wird. Ich weiß, dass du hier bleiben möchtest, aber es wird Zeit zu gehen. Du hast das meiste mitbekommen und hattest die Möglichkeit dich zu verabschieden, jetzt liegt der Fokus aber wieder auf dir und deiner Genesung". Ich wollte widersprechen, aber ich tat es nicht. Vielleicht war es wirklich besser nach Hause zu gehen.

Die ganze Zeit starrte ich nur auf den Boden, bis ich mich in den Beifahrersitz fallen ließ. Die Heimfahrt verging wie im Fluge. Zuhause zog ich mir wortlos meine Schuhe aus und verschwand in meinem Zimmer, bevor mich jemand aufhalten konnte. Erschöpft und kaputt schloss ich meine Zimmertüre, bevor ich mich an ihr heruntergleiten ließ.

Big Brothers 8Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt