XI - Vinja (1/4)

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Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und kurz darauf hörte Vinja, wie sich der schwere Schließriegel zur Seite bewegte. Es gab ein klickendes Geräusch, dann wurde die Klinke heruntergedrückt und die Tür öffnete sich. Eine Gestalt, nicht sonderlich groß, dafür umso breiter, schob sich in die Zelle. Kurz darauf wurde die Tür wieder geschlossen.

»Helgrin!«, rief Vinja, und sprang von ihrer schlichten Pritsche auf. Am liebsten hätte sie sie umarmt, aber der Blick in Helgrins Gesicht ließ sie innehalten.

»Hallo Vinja«, sagte Helgrin. Ihre Stimme ließ ihre sonstige Leichtigkeit vermissen. Sie machte ein paar Schritte in die Zelle. »Wie geht es dir?«

Vinja war übel. Es hatte sie nicht gewundert, dass niemand sie freundlich behandelt hatte, nachdem sie unfreiwillig in die Kaserne zurückgekehrt war. Lorana hatte sie bis kurz vor das Südtor Ijarias gebracht. Eigentlich hatte Vinja zu Eleane und Masia gewollt, aber noch bevor sie das Gleißnerviertel erreicht hatte, hatte man sie entdeckt. Ein Mädchen aus Fiomes Zehn, die gerade auf dem Weg zur Heldenwacht gewesen war, hatte sie im Vorbeifahren entdeckt und sogleich die nächste Wache verständigt. Man hatte sie wieder zur Kaserne gebracht und dann in diese Zelle gesperrt, wo sie nun schon viele Tage saß. Sie hatte Striche an die Wand gemacht für jeden Tag, den sie hier verbrachte, um nicht völlig das Zeitgefühl zu verlieren. Drei Wochen war sie nun hier und sie hatte den Eindruck, bald den Verstand zu verlieren. Ein paar Mal war jemand hier gewesen, um sie zu verhören, aber Vinja hatte sich entschieden, nichts zu sagen. Sie hatte den Eindruck, dass alle davon ausgingen, sie wäre nur aus Trotz davongelaufen, und dabei sollte es auch bleiben. Es war ihr egal, was sie von ihr dachten. Sie hoffte nur, dass sie nicht ewig in diesem Loch verbringen musste und dass sich bald etwas tun würde. Sie blickte zu Helgrin. Ihr Besuch hatte mit Sicherheit etwas zu bedeuten.

»Gut«, antwortete sie reichlich verspätet auf ihre Frage.

Helgrin nickte.

»In Ordnung. Bekommst du hier was zu essen?«

Vinja nickte, auch wenn man den Haferschleim und das trockene Brot, das sie bekam, kaum als etwas zu essen bezeichnen konnte. Sie schwiegen eine Weile, in der Helgrin damit beschäftigt zu sein schien, die Zelle zu inspizieren. Dann drehte sie sich zu Vinja.

»Warum hast du das gemacht?« Sie versuchte, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben, aber Vinja hörte deutlich den enttäuschten Unterton heraus. Sie zuckte die Schultern.

»Ich weiß es nicht.«

Sie brachte die Worte nur zögerlich über die Lippen. Es war eine Sache, ihre unfreundlichen Wärter anzulügen, die sie hin und wieder befragten, aber etwas ganz anderes war es bei Helgrin.

»Und was um alles in der Welt hast du gemacht?«

War da Sorge in Helgrins Stimme? Vinja schaute sie an, konnte ihrem ernsten Blick aber nicht standhalten.

»Ich bin...«, begann Vinja.

Helgrin schnitt ihr mit einer Geste das Wort ab.

»Nein Vinja, nicht das. Erzähl mir nicht einfach, was du hier allen anderen erzählt hast. Ich glaube dir nicht, dass du in der Stadt herumgelaufen bist, weil du keine Lust mehr hattest, weiterhin beim Militär zu sein. Ich will, dass du mir die Wahrheit sagst.« Sie deutete einmal quer durch die Zelle. »Ich verspreche dir, dass ich dir helfe, hier herauszukommen, aber du musst mir die Wahrheit sagen.«

Vinja schluckte. Sie wollte Helgrin nicht anlügen und dann merkte sie, dass sie es auch nicht konnte. Helgrin hatte sich immer für sie eingesetzt und ohne sie... Einen Moment versank sie in Gedanken. Ohne Helgrin wäre sie immer noch bei ihren Eltern in der Wäscherei. Sie war sich nicht sicher, ob es dort nicht doch besser gewesen wäre. Aber dieser Gedanke war ohnehin sinnlos. Sie war hier.

Der Untergang Ijarias I - Die Schatten erheben sichWo Geschichten leben. Entdecke jetzt