Bedächtig musterte ich das kleine Kärtchen, drehte es zwischen meinen Fingern umher und fragte mich, wozu Alexander Visitenkarten brauchte, auf denen lediglich seine privaten Kontaktdaten standen.
Ich stellte mir vor, wie er in einem Club eins der Kärtchen aus deinem Portemonnaie zutage förderte und einem Mädchen, das er gerade aufgerissen hatte, übergab, anstatt wie jeder normale Mensch seine Handynummer in ihr Handy einzutippen. Ich würde ihn für komplett eingebildet halten, aber das war er schließlich auch.
Wahrscheinlich war das einfach eins der vielen High Society Dinge, die ich nicht verstand.
Ich widerstand der Versuchung, die angegebene Adresse zu googeln. Es war eine Straße in Boston, allerdings nicht die seiner Eltern. Stattdessen speicherte ich seine Nummer in meinen Kontakten und wechselte in meine Messanger-App, um ihn dort ausfindig zu machen.
Wäre es nicht schon nach Mitternacht, hätte ich ihn wahrscheinlich angerufen, aber falls er schon schlafen sollte, wollte ich ihn nicht wecken.
Dieses Mal konnte ich es allerdings nicht lassen, sein Profilbild anzusehen, bevor ich eine Nachricht formulierte. Es zeigte ihn breit grinsend in einem oben lässig aufgeknöpften Hemd und einer dunkelblauen Jeans, in dessen Hosentaschen er seine Hände gesteckt hatte. Das Foto war in einem Park aufgenommen worden und ich hätte zu gerne gewusst, wer es geschafft hatte, ihn so ausgelassen abzulichten.
Ich starrte das Foto zu lange an. Das wurde mir bewusst, als ich seine Lachfalten um die Augen und den Mund betrachtete und feststellte, dass ihm Lachen verdammt gut stand.
Resignierend riss ich mich von dem Foto los. Eigentlich sollte es mir egal sein, dass er seinen Urlaub so griesgrämig verbrachte. Das war nicht mein Problem und mit Sicherheit auch keins, das ich lösen wollte oder konnte, aber irgendwie stimmte es mich trotzdem missmutig.
Ich formulierte eine Nachricht an Alexander, die ich ein duzend mal neu ansetzte und wieder löschte, bis ich irgendwann einen förmlichen Text versendete, der nicht mehr oder weniger als nötig enthielt:
An Alexander Parker: Hey, hier ist Brooke.
Entschuldige die späte Rückmeldung, ich bin gerade erst vom Polizeirevier zu meiner Tante nach Hause gekommen. Ich kann noch nicht abschätzen, ob ich morgen schon wieder zurückfliegen kann. Mein Bruder ist zwar momentan auch bei uns, aber er ist noch nicht aus dem Schneider.
Ich melde mich nochmal, wenn ich mehr weiß.
Dann legte ich das Handy neben mir auf Tante Erins Bett ab, starrte einigen Minuten in die Luft, nahm das Handy wieder in die Hand und guckte, ob ich eine Antwort bekommen hatte. Hatte ich nicht. Also legte ich das Handy wieder weg und kroch unter die Decke, die Tante Erin extra neu für mich bezogen hatte.
Obwohl es viel zu warm war, zog ich sie bis über den Kopf und streckte nur noch kurz meinen Arm darunter hervor, um die kleine Lampe auf dem Nachttisch auszuknipsen.
Mein Leben war ein einziges Durcheinander. Während mein kleiner Bruder des Diebstahls beschuldigt wurde, arbeitete ich bei einer Familie, die nie im Leben irgendetwas stehlen müsste, weil sie sich alles leisten konnte. Und anstatt in meinem Kopf nur Platz für Sorgen um Charlie zu haben, dachte ich über das Lachen eines steinreichen Kotzbrockens nach.
Ich kniff die Augen zusammen, als würde das Foto dann vor meinem inneren Auge verschwinden, aber es blieb. Frustriert schlug ich meine Decke zurück und wälzte mich auf die andere Seite.
Durch die Tür drangen die Geräusche des Fernsehers leise zu mir in den Raum. Tante Erin schlummerte bestimmt schon davor auf dem Sofa. Zu gerne würde ich es ihr gleichtun, aber dafür war ich zu aufgewühlt.
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Sommergewitter
RomanceWo strahlender Sonnenschein auf eiskalte Wellen trifft, schneidender Wind auf gespannte Segel und High Society auf urige Fischerdörfchen kollidieren die Herzen von Brooke und Alexander wie Donner in einem Sommergewitter. Drei Wochen als Kindermädche...
