E i n u n d v i e r z i g

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„Wo kommt ihr denn her?"

Erschrocken zuckte ich zusammen. Die Stimme von Ronan Parker ertönte viel zu unvorhergesehen und ich fuhr viel zu offensichtlich zu ihm herum. Er war aus Lillians Zimmer gekommen, seine Hand lag noch auf dem Türknauf der gerade geschlossenen Tür. Wahrscheinlich hatte er noch einen Blick in ihr Zimmer geworfen, bevor er selber ins Bett gehen würde. Es war schließlich schon nach zehn Uhr abends.

Alex und ich hatten womöglich ein wenig die Zeit vergessen. Unabsichtlich absichtlich. Ein paar Mal hatte jemand von uns angemerkt, dass wir vielleicht bald zurückfahren sollten, wenn wir noch im Hellen ankommen wollten. Dann hatten wir ein neues Thema angeschnitten, uns darin verloren, ein wenig rumgeknutscht wie verliebte Teenager, bis von meinem Lippenstift nichts mehr über war, und den Sonnenuntergang angeguckt. Erst, als der orangefarbene Feuerball hinter dem Horizont verschwunden war und die warmen Sommertemperaturen mit sich nahm, hatten wir den Leuchtturm verlassen.

Wir waren mit dem letzten Licht auf die Fahrräder gestiegen und hatten gegen die kühle Luft der einsetzenden Nacht um die Wette getreten, während unser schwerer Atem gelegentlich von Lachen unterbrochen wurde.

Ich war noch immer ein wenig atemlos und in den Sekunden, in denen Mr Parker uns genauso überrascht ansah, wie wir ihn, kam mein Atem mir unerträglich laut in der Stille des riesigen Hauses vor.

Ich konnte nicht ausmachen, ob er einfach nur aus reinem Interesse fragte, oder ob er sofort Verdacht geschöpft hatte und Mrs Parker mich nun fristlos entlassen würde. Was ich wusste, war, dass ich ihn spätestens jetzt mit völlig anderen Augen sah, nachdem Alex vor einigen Stunden in meinen Armen geweint hatte. In mir kroch ein regelrechter Ekel hoch. Der Respekt, den ich ihm gegenüber gehabt hatte, war erheblich geschrumpft. Nicht genug jedoch, um mich ihm in diesem Moment selbstbewusst zu stellen. Stattdessen drehte ich hilfesuchend meinen Kopf zu Alex. Er stand ähnlich reglos da, wie ich, das Gesicht aschfahl und der Kiefer angespannt.

„Wir haben eine Fahrradtour gemacht", hörte ich mich sagen und blickte Ronan Parker todesmutig in die Augen. „Ich, ähm, wollte gerne ein bisschen mehr von der Gegend sehen und Alex hat angeboten, mich ein bisschen rumzuführen. Äh, zu fahren." Unwohl schlang ich meine Arme um meinen Oberkörper.

Mr Parker hob skeptisch die Augenbrauen. „Soso. Das ist aber eine spannende Uhrzeit, um die Gegend zu erkunden."

„Ich habe die Strecke unterschätzt", klinkte Alex sich mit monotoner Stimme in die Unterhaltung ein. „Aber ist doch egal, oder? Wir sind schließlich keine Teenager mit Ausgangssperre."

Unbewusst hielt ich die Luft an. Die Spannung zwischen ihm und seinem Vater war beinahe greifbar und ich konnte nicht einschätzen, ob es noch immer an Kims Abreise lag, den generellen Streitigkeiten zwischen den beiden oder ob ich eine größere Rolle einnahm, als mir lieb gewesen wäre.

Ich wollte nach Alex' Hand greifen. Sie drücken, um ihm zu signalisieren, dass es sich nicht lohnen würde, sich jetzt mit seinem Vater anzulegen.

„Nein, das seid ihr nicht", pflichtete Mr Parker bei. Er ließ seinen Blick langsam über mich wandern, als überlegte er, ob er meinen Anblick in dieser Situation unangebracht oder richtig unangebracht finden sollte. Als er zu Alex sah, hielt ich die Luft an. „Aber eigentlich auch erwachsen genug, um sich nicht so unreif zu benehmen."

„Sonst noch irgendwelche Belehrungen?" Alex verschränkte seine Arme vor der Brust. „Sonst würden wir jetzt nämlich ins Bett gehen."

„Wenn es so wäre, sollten wir das wohl lieber unter vier Augen besprechen."

„Und vermutlich lieber zu einer humanen Zeit und auch nicht direkt vor Lillians Zimmertür. Sie braucht ihre Ruhe."

Zum zweiten Mal innerhalb der letzten Minuten machte mein Herz einen erschrockenen Satz. Mrs Parker war hinter uns aufgetaucht. Sie stand in der Tür zu ihrem und Mr Parkers Schlafzimmer, das Gesicht schon von Make-Up befreit und dieser Anblick ziemlich ungewohnt.

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