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Das Scheppern, das trotz der Geräuschkulisse von klapperndem Besteck und Gesprächen nicht zu überhören war, ließ mein Herz gefrieren. Das hatte gar nicht gut geklungen.

Von den benachbarten Tischen des schicken Cafés warf man mir vorwurfsvoll Blicke zu, als wäre mein Missgeschick ein halber Weltuntergang.

Möglichst unbeeindruckt reckte ich das Kinn, ehe ich, jeden Blickkontakt meidend und mit glühenden Wangen unter dem Tisch nach meinem Smartphone angelte. Der Bleistiftrock, den ich mir von meiner Freundin Noemi geborgt hatte, machte das ganze nicht wirklich leichter. Ich musste mich wieder aufrichten und mich mit den Händen auf der Sitzfläche des olivfarbenen Samtstuhls abstützen, um das Handy mit einem Fuß näher zu mir zu ziehen, bevor ich ein zweites Mal den Kopf unter den Tisch steckte.

Über das Display ersteckten sich spinnennetzartige Risse und mir rutschte das Herz endgültig in die Hose.

Verdammter Mist.

Wenn mehr als das Display im Arsch war, hatte ich ein gewaltiges Problem. Ich hatte nicht das Geld, um mir eine Reparatur zu leisten, geschweige denn ein komplett neues Handy.

Die Luft anhaltend drückte ich seitlich auf das Gerät und atmete erleichtert aus, als der Bildschirm entgegen meiner Annahme aufleuchtete. Dann zwang ich mich dazu, es in meiner Tasche, die auf dem Stuhl neben mir lag, verschwinden zu lassen. Es würde ohnehin keinen guten ersten Eindruck vermitteln, wenn meine potenzielle neue Arbeitgeberin mich mit gesenktem Kopf darauf starrend antreffen würde, auch, wenn es nur der Uhrzeit wegen wäre.

Ersatzweise ließ ich meinen Blick durch den Raum streifen. Schon vorhin hatte ich festgestellt, dass die goldenen Beine der Tische und Stühle auf die filigranen Pendelleuchten abgestimmt waren, die über jedem Tisch von der Decke baumelten. Die anderen Gäste sahen ähnlich elegant aus wie das Interieur. Ehepaare, dessen männliche Parts in Polohemden oder perfekt gebügelten Flanells ihren herausgeputzten Frauen den Nachmittagskaffee ausgaben. Freundinnen-Grüppchen in allen Altersklassen, unter deren Radar ich ganz besonders hindurchrutschen wollte, denn von meinem Nebentisch bekam ich mit, dass Lästern ein beliebtes Hobby zu sein schien. Nach meinem Handy-Unfall war bestimmt auch ich Thema an einigen Tischen.

Unruhig versuchte ich meine Beine zu überschlagen, gab es aber schnell wieder auf. Dieser Rock war die reinste Gefängniszelle. Ich verstand nicht, wie Noemi sich sowas regelmäßig freiwillig anziehen konnte. Und noch weniger verstand ich, warum sie dachte, ich hätte ein Date, denn ein spießiger Bleistiftrock wäre das Letzte, was ich dafür aussuchen würde. Auch, wenn er meinen Hintern ziemlich gut in Szene setzte, was mir hier allerdings wenig bringen würde.

Angespannt kaute ich mit den Zähnen auf meiner Unterlippe herum. Eigentlich war ich ziemlich routiniert, was Vorstellungsgespräche betraf, doch das mir Bevorstehende toppte alle Fälle, bei denen ich mich bislang unter Beweis stellen musste. Normalerweise musste ich in kahlen Räumen unter Beweis stellen, dass ich für den jeweiligen Job geeignet war. In manchen hatte es nicht einmal ein Fenster gegeben und wenn ein Bild an der Wand hing oder eine vertrocknete Zimmerpflanze in der Ecke stand, war das eine Sensation.

Normalerweise bekam ich aber auch nur Angebote in Fastfoodrestaurants, für Supermarktkassen oder als Servicekraft. Eben für diese unliebsamen Jobs, die niemand freiwillig machte, wenn irgendein Weg daran vorbeiführte. Ich für meinen Teil hatte aber leider nie die Wahl.

Entsprechend wenig verstand ich, warum ich für das Angebot vom Arbeitsamt überhaupt in Frage kam, denn es war wie ein Sechser im Lotto. Allein schon die Tatsache, dass ich heute hier saß, rief in mir die Frage auf, ob dieses Angebot wirklich für mich bestimmt gewesen war. Dieses Café war um einige Preisklassen zu hoch für mich. Vor mir stand lediglich eine kleine, gekühlte Flasche Wasser, deren Glas überzogen von winzigen Kondenströpfchen war. Sie war das günstigste auf der Karte gewesen und kostete mich trotzdem mehr als gesetzlich für etwas so Überlebenswichtiges erlaubt sein sollte. Bislang hatte ich keinen einzigen Schluck getrunken, obwohl meine Kehle vor Aufregung staubtrocken war.

SommergewitterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt