Silas
Wenige Minuten, nachdem Frau Schabert uns darüber aufgeklärt hatte, dass Tom unsere Abifeiern erfolgreich gegen die Drohungen Daulands, sie als Konsequenz der unerlaubten Party in der Turnhalle zu canceln, verteidigt hatte, verließ sie den Raum. Der Jubel meines Kurses übertönte die Musik meiner Kopfhörer und ließ mich kurz an der Menschlichkeit meiner Mitschüler zweifeln. Als wir von der offiziellen Einigung zum Frieden erfahren hatten, war niemand auf die Tische gestiegen und hatte vor Freude getanzt und geschrien.
Kian und ich waren im Organisations-Komitee zugeteilt. Unsere Aufgabe war es, den Überblick zu behalten und in enger Zusammenarbeit mit den anderen Komitees zu stehen, um einen reibungslosen Ablauf zu garantieren.
Allein der Gedanke daran, mich mit Kian – und leider auch ein paar anderen – zu treffen und die verschiedenen Feierlichkeiten zu planen, machte mich ganz hibbelig.
Meine Annahme, Kian würde mich verabscheuen, hatte sich als falsch erwiesen. Genauso wenig ekelte er sich vor mir. Er wollte mich nur um nichts in der Welt berühren. Seit ich aufgehört hatte, das persönlich zu nehmen, tat es deutlich weniger weh.
Dennoch wollte ich es verstehen. Mit einer medizinischen Erklärung wie Berührungsängsten oder einer kulturellen wie Sittengesetzen würde ich mich zufriedengeben. Irgendwas, das halbwegs plausibel klang. Einfach, damit ich endlich aufhören konnte, mir den Kopf darüber zu zerbrechen.
Als Frau Schabert vom Kopieren zurückkam, verlief die Stunde weiter wie gewohnt.
Meine Kopfhörer behielt ich in den Ohren, während ich die Blätter bearbeitete, die sie ausgeteilt hatte. Sie ging währenddessen durch die Reihen, nahm sich einen Bleistift aus meinem Mäppchen und schrieb etwas an den Rand meines Blattes. Ich identifizierte ihr Gekritzel als einen Songtitel.
Bis die Stunde zu Ende war, ließ ich meine aktuelle Playlist weiterlaufen. Ich wollte mein Glück nicht überstrapazieren, indem ich mein Handy rausnahm und darauf herumtippte.
Sobald ich das Klassenzimmer verlassen hatte, hielt mich aber nichts mehr davon ab, mir das Lied anzuhören. Der Text traf meine Gefühlslage genau. Er schien sich direkt an mich zu richten. Mir wurde bewusst, dass der Schmerz von früher langsam erträglich geworden war. Die Wunden vernarbten und die Zeit bewies, dass es weiterging, egal wie unmöglich und sinnlos das in manchen Moment auch schien.
Mein Hirn war, voll mit einer Mischung aus Musik und Gedanken, nicht dazu im Stande, meine Umgebung wahrzunehmen. So erklärte ich mir zumindest, dass ich nicht mitbekam, wie ich als Teil der Schülermasse durch die Flure strömte, an Goldie hängenblieb und ihn fast zu Boden riss.
„Alter!" Er schubste mich zurück und sah wütend von der pinken Flüssigkeit, die sich gerade auf seinem Shirt verteilt hatte, in mein Gesicht.
„Shit, tut mir echt leid."
„Wie blöd bist du eigentlich?"
Verdutzt sah ich zu ihm hoch.
„Alle anderen haben es auch geschafft, normal an mir vorbeizulaufen."
„Die sind dir wohl eher ausgewichen", murmelte ich.
Es kostete mich viel Beherrschung, mir nicht die Nase zuzuhalten, wenn er in der Nähe war. Als einen angenehmen Duft würde ich, was auch immer er da absonderte, nämlich nicht bezeichnen.
Er zog die Augenbrauen hoch, ungläubig und doch herausfordernd. „Wie war das?!"
Goldie war bekannt für seinen unglaublich großen Stolz und seine unglaublich geringe Selbstbeherrschung. Obwohl ich mir dessen bewusst war, weigerte ich mich, zurück zu rudern.
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Erwacht - Blutlust
ParanormalNach Jahrhunderten des Krieges soll nun endlich Frieden herrschen. Als Prinz macht Kian es sich zur Aufgabe, die Weichen für eine Zukunft zu stellen, in der sein Volk und die Menschen gewaltlos zusammenleben. Zu seiner Unerfahrenheit und den hartnäc...
