Heimgesucht von Erinnerungen

185 8 6
                                        

An der Tür angekommen zögerte mein Bruder jedoch. „Ich dachte, du warst dir sicher, dass es ein Notausgang sei?", meinte ich und zog eine Augenbraue nach oben. „Und was ist wenn nicht?", fragte er kleinlaut. „Schlimmer als jetzt kann es nicht werden. Also öffne die Tür.", ermutigte ich ihn. Doch im Nachhinein wäre es besser gewesen, wir hätten sie zu gelassen. Denn dahinter sahen wir jenes Waisenhaus in dem wir vor der Adoption gelebt hatten. „Ich hab gedacht, die haben das abreissen lassen. Wundert mich, dass es noch da ist.", murmelte Mokuba und sah sich verwirrt um. „Das ist doch nur eine virtuelle Kopie... Und zwar eine sehr billige, wenn ich das anmerken darf. Aber wie kann Noah davon wissen? Unser Stiefvater hat doch alles aus unseren Akten versiegeln lassen, sodass niemand jemals davon erfahren sollte.", überlegte ich laut.

Doch darauf bekam ich keine Antwort und zurückweichen war auch unmöglich, denn die Tür drängte uns regelrecht dazu, hindurch zu gehen. Und als wie endlich hindurch waren, verschwand die Tür, sodass wir gezwungen waren, uns das, was auch immer gleich geschehen würde, anzusehen. 

Und so standen wir wieder auf jenem Hof, an dem unser damaliges Leben einen unfreiwilligen Neuanfang bekam. Hier, in diesem Waisenhaus, wo ich zum Beschützer von meinem kleinen Bruder wurde.

„Wieso kamen wir eigentlich hier her? Ich weiß nur, dass Mum und Dad nicht mehr von ihrer Geschäftsreise nach Hause kamen.", fragte Mokuba. Ich seufzte und begann ihn meine Erinnerung zu erzählen und ballte dabei die Fäuste: „Als unser Onkel mir die Nachricht vom Tode unserer Eltern überbrachte, dachte ich damals dass meine Welt zusammen brechen würde. Unsere Eltern, die liebevollsten Menschen die ich kannte, waren nicht mehr da? Das konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Doch ich musste stark für dich sein, kleiner Bruder. Unsere geldgierigen Verwandten beschlossen, dass es das Beste für uns wäre, wenn wir hier unterkämen, das sie alle keine Zeit für uns hatten. Mit unserer Einweisung hier her, waren die fein raus und wir aus dem Sichtfeld. Niemand kümmerte sich danach mehr um uns. Ich hab nie wieder etwas von unserer eigentlichen Familie gehört, aber ich bin mir sicher, dass die sich das Erbe unserer Eltern eingestrichen und uns noch unser altes Zuhause genommen haben!".
„Das hier wird ab heute euer neues Zuhause sein, bis wir eine Möglichkeit gefunden haben, euch anderweitig unter zu bringen.", hörten wir hinter uns. Und diese Stimme kam mir sehr bekannt vor. Das konnte doch nicht wahr sein! Mokuba und ich drehten uns und um sahen uns dort stehen. Aber wir waren Kinder. Neben uns stand unser Onkel, der uns dem Heimleiter übergab. Dann stieg er mit seiner Frau ins Auto ein und verschwand. Das war der letzte Moment in dem ich unsere ‚Familie' sah.

„Wie zum Geier konnte Noah das wissen?", fragte ich perplex nach. Diese Szene von Mokuba und mir wirkte so real und echt. Wie als wäre meine eigene Erinnerung visualisiert worden. Aber so eine Technik gab es doch gar nicht. Oder doch?

„Seto sieh mal! Aber wie ist das möglich? Ich war doch den ganzen Tag alleine auf der Schaukel, bis du zu mir gekommen bist. Hat Noah etwa eine Möglichkeit gefunden unsere Erinnerungen darzustellen?", fragte Mokuba und deutete auf eine weitere Erinnerung. Dort war er auf einer Schaukel zu sehen. Mein kleines Ich kam auf ihn zu gelaufen und sagte: „Hier bist du, Moki. Ich hab dich schon überall gesucht.". „Ach Seto. Hier ist alles so anders als Zuhause. Ich will wieder dahin, wo Mum und Dad waren. Und unsere Spielzeuge.", flehte Moki und sah seinen Bruder, mich, mit Tränen in den Augen an. „Komm Moki, Kopf hoch. Wir machen das Beste draus, ok? Schauen wir uns doch einfach mal die Gegend an in der wir jetzt leben.", schlug mein jüngeres ich vor. Moki sprang von der Schaukel herunter und ergriff Setos Hand. Dann wechselte die Szene und wir sahen uns, wie wir spazierten. In diesem Moment schien es, als wäre unser Leben zwar anders, aber nicht allzu schlimm geworden. Ich hielt Mokuba eine kleine Rede über das Stark sein und das wir uns nicht unterbekommen lassen sollten. Während wir die Szene sahen, merkte Mokuba an: „Das war also damals deine Version von, mich aufbauen. War nicht gerade zielführend.". „Ich war damals halt noch nicht so wortgewandt wie jetzt.", verteidigte ich mich, denn ich fand meine Rede damals echt gelungen.

Das Herz des Seto KaibasGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt