Turems Kopf raste hoch. Erst musterte er Scarlett, dann schaute er an ihr vorbei — in den dunklen Gang, durch den sich die Treppe schlug. »Der Patient?!«, rief er. Seine Stimme wackelte fürchterlich.
Saffile antwortete sofort: »Unser Patient! Da bin ich mir sicher! Er versucht sich- Scheiße!«
Der Cruor sprang vom Sessel auf. Er stürmte zur protzigen Halle, die sich ans Wohnzimmer anschloss.
Scarlett hielt Schritt — ihre Gedanken und Fragen mit einem Mal verstummt.
Durch den Flur hämmerten die Glocken, die einen neuen Tag ankündigten.
Saffiles Rufe gingen fast unter. Wie ein tödliches Wispern nahmen ihre Worte Scarletts Verstand ein.
Turem schlug scharf in einen Nebengang ein. Er griff im vollen Lauf neben sich und zog einen Mantel vom Kleiderständer.
Er hielt auf Glastüren zu, die auf den Balkon herausführten. Die dunkelgrünen Fliesen lagen geisterhaft im Mondlicht und Scarlett fühlte sich wie ein Eindringling, als sie ihm folgte.
Turem beugte sich über das Geländer, um in den Stadtpark zu blicken, der sich darunter auftat.
Tatsächlich durchbrachen heftige, tiefe Atemzüge die nächtliche Stille. Hinter den dumpfen, eisernen Klängen der Glocken erkannte Scarlett ein Stöhnen.
Zwischen den Blumensträuchern wanderten Schatten entlang, doch keiner gehörte zu einem Lebewesen menschlicher Größe.
Auch der Cruor blickte abwartend in die Tiefe. Scarlett realisierte den Inhalt seines nächsten Satzes erst zu spät.
»Ich seh's.«
Turem stieg auf die schmale Steinmauer, die den Balkon begrenzte.
»Sie wollen doch nicht-«, hauchte sie schwach, doch im selben Moment ließ er sich fallen.
Seine gräulichen Finger tauchten noch einmal zwischen den Stützen auf, aber er glitt schnell unter den Balkon.
Scarlett riss den Oberkörper nach vorn.
Turem war auf einem Hügel gelandet. Er hatte sich hinterrücks an eine Bank gelehnt und massierte sich die Finger. Es war eine unpassende Bewegung, wenn man bedachte, dass er ebenso gut in seinen Tod hätte stürzen können.
»Komm mit!«, forderte er, als er in ihre Richtung blickte.
Scarlett folgte dem Befehl, ohne nachzudenken. Sie sprang von der Mauer auf einen knorrigen Baum und rutschte dessen Stamm herunter. Die Rinde scheuerte an ihren Handflächen und riss die Haut auf, doch sie hielt ihre Aufmerksamkeit auf Turem.
»Es ist einer unserer Patienten geflohen«, erklärte er nebensächlich.
»Ich weiß.«
»Dann solltest du auch wissen, dass wir alles daran setzen müssen, ihn einzufangen.« Er zeigte auf den Weg, zu einer dunklen Stelle, die sich von den Steinen abhob. »Da.«
Wie schwarzer Nebel schwebte eine Silhouette in der Luft. Wäre Scarlett nicht darauf hingewiesen worden, hätte sie nie bemerkt, dass diese eine menschliche Form hatte.
»Wie wollen wir ihn fangen?«, fragte die Formwandlerin und trat an seine Seite.
»Sie hassen Licht. Wir müssen ihn damit treiben. Ich will ihn lebendig, wenn möglich.«
Die Schattengestalt lauerte.
Sie blickte direkt dorthin, wo der Hintereingang zur Praxis lag. Es pirschte allmählich in die Richtung.
Turem fuhr fort: »Wenn Saffile schlau ist, löscht sie jetzt alle Lichter und betäubt das Monster. Dafür muss sie nur warten, bis es vor der Tür steht.«
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Seele eines Cruors
Fantasia»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
