Wenn Rhun weinen könnte, hätte er es längst getan.
Seine Heimat war zerstört. Man hatte alles hingerichtet, was er war. Er hatte seinen Herren verloren, sein Haus... Dann war da diese Unsicherheit, ob die Zukunft besser werden würde, als die Vergangenheit.
Kein Halt, kein Rang, keine Position.
Rhun war alles entwichen, was ihn als Cruor ausgezeichnet hatte — und damit auch alles, was er hasste.
Damals war ihm die Macht zu anstrengend gewesen. Die Kontrolle wog wie eine Last und die Geheimnisse waren zu viel, als dass er sie wahren könnte.
Seit dem gestrigen Abend gab es das alles nicht mehr. Brus hatte sich in den letzten Sonnenstrahlen aufgelöst.
Und seither wünschte er sich nichts sehnlicher, als in der Zeit zurückreisen zu können.
Alles war besser, als mit einer Gruppe Krimineller durch das Land zu streifen.
Auf den verschlossenen Zügen von Chase hatte sich Missbilligung verfangen. Seit dem frühen Morgen hatte er mit niemandem geredet.
Die wilde Ansammlung von Individuen, die er seine Freunde nannte, tuschelte hin und wieder — manchmal warfen sie sich Blicke zu.
Doch kein Satz hielt lange an und kein Atemzug war tief genug, um zu beschreiben, was sie fühlten.
Brus hatten sie hinter sich gelassen. Mittlerweile durchquerten sie ein Dorf, in dem man die kantigen Mauern der Hafenmetropole nicht mehr sehen konnte.
Die letzte Nacht hatte Rhun auf dem Boden geschlafen. Seine Gedanken waren leer und traumlos gewesen und als er erwacht war, ging er davon aus, in seiner Wohnung zu sein.
Glücklich konnte er sich schätzen, dass ihn niemand im Schlaf umgebracht hatte. Diesen wilden Biestern würde er alles zutrauen — auch, wenn er ihnen das Leben gerettet hatte.
Dankbarkeit zeigte niemand.
Oryn — der fremde Aart, der sich ihnen angeschlossen hatte — hatte die Führung übernommen. Nicht nur war er unpassend unbeschwert, sondern war auch erstaunlich geschwätzig.
Jede Kulisse hatte er kommentiert; aufmunternde Worte gespendet und einen scheußlichen Witz gerissen.
Seitdem sie das Dorf betreten hatten, hatte er Dolunay hinter sich hergezogen. Beide waren in einem Haus verschwunden.
Die anderen setzten sich draußen auf die kalte Erde und starrten in den gräulichen Himmel.
»Ich fasse es nicht«, grummelte Chase — und es waren seine ersten Worte heute. Die Stimme klang kratzig; die Augen wanderten unaufhörlich von Person zu Person. »Ich hasse diese Welt.«
»Dolunay weiß, was sie tut«, gab Caden stumpf zurück und sein Ton verriet, dass er sich selbst nicht glaubte.
»Das sagst du nur, weil du Scheiße gebaut hast. Genauso wie sie.« Harding knackte mit den Fingergelenken, bevor er sich über das Gesicht fuhr. Seine Lider sackten herunter, als er die nächste Person fixierte — den Nachtschwärmer. »Und du? Hast du auch was zu beichten?«
»Tatsächlich nicht.« Kengas Lächeln wirkte deplatziert. Er blickte an die Reste seiner Uniform herab — wo nur noch Hose, Hemd und Stiefel übrig blieben. Alles andere hatte man ihm in Brus abgenommen.
»Das ist ja was ganz neues.«
»So oder so. Es ändert nichts an unserer Situation«, gab der Soldat zu bedenken.
»Du hast auch nichts zu verlieren. Dein Elternhaus liegt außerhalb der Stadt«, zischte Caden.
Kenga riss die Lider auf und hielt dagegen: »Ach, und was bringt mir das? Meinst du; ich kann zu denen zurückkehren? Nachdem ich vor Gericht stand?«
Rhun stand anteilnahmslos daneben. Niemand beachtete ihn. Während sich die drei Männer ankeiften, betrat er das Haus.
Die Anweisung, es nicht betreten zu dürfen, hatte nicht ihm gegolten.
Selbst wenn; es wäre ihm egal.
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Seele eines Cruors
Fantasía»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
