Scarlett stand neben Turem, welcher die Arme in die Seiten gestemmt hatte. Mit professioneller Neutralität begutachtete er den jungen Cruoren, der auf dem Tisch saß.
Scarlett konnte noch immer nicht schätzen, was sein Geschlecht war — und auch wenn er sich unter dem Namen Efe vorgestellt hatte, gewehrte es keine Information. Generell äußerte sich das dünne Wesen kaum. Es ließ sich von Turem die Wunden verarzten, die durch den Einsturz der Universität — oder ihren Angriff — zurückgeblieben waren. Hin und wieder sah es sich um, oder musterte die Formwandler.
Verletzt war es nicht stark — die schmerzhaftesten Zeugen des Geschehens waren aufgeschürfte Knie... Zumindest, gab Efe dort gequälte Laute von sich; weniger so bei den Schnittwunden.
Turem drückte den Rücken durch. Sein Blick war scharf, die Bewegungen gezielt und die Worte voller Eindringlichkeit. »In Ordnung«, sagte er. Auf seiner verschlossenen Miene zeichnete sich ein Schleier der Missgunst ab, während er die Anwesenden im Raum überblickte.
Jade hatte sich mittlerweile zu ihnen gesellt. Ihre grünen Iriden vermieden ihn und huschten stattdessen über die Einrichtung. Ihre Aufmerksamkeit blieb nie an einem Ort. Ebenso wenig ihr Körper: sie trat von einem Fuß auf den anderen. In der schneidigen Eleganz ihrer weiblichen Figur mangelte es der Haltung — trotzdem gerade dies etwas war, was alle Formwandler besaßen. Hinter ihrer Fassade loderte ein Verstand, der gefährlich werden konnte.
Dass Jade noch hier arbeitete, war ein Wunder.
Turem drückte den Kopf der Cruors an den Hörnern zurück. »Wie geht es dir jetzt, Kleine?« Bevor er sich vorbeugen konnte, um die Wunden erneut zu begutachten, zog Seel ihn an der Schulter.
Das Kind jedoch ließ seinen Arm nach vorne schnallen, um sein Handgelenk zu greifen. »Bitte, Veu, ich möchte nicht zurück in die Universität.«
»Du musst. Ein Mentor muss darüber informiert werden, dass du lebst«, erwiderte Seel. Die Cruorin sprach in dem üblichen, lauten bedingungslosen Ton — auf einmal war die ruhige Art jedoch aus ihr entwichen. Übrig blieb eine steife Haltung, die durch überkreuzte Arme bestärkt wurde.
Efe ließ ihn nicht los. »Ich will nicht zur Universität. Sie wurde ohnehin vernichtet. Das wird nichts mehr. Das-«
»Wie alt bist du?«
»Vierzehn, aber-«
»Kein Wunder, dass sie noch so emotional ist.« Seel machte auf dem Absatz kehrt und durchschritt den Raum. Ihre Schuhe klangen plötzlich erstaunlich laut auf den Fliesen und würden ihre Anwesenheit schon im Nebenraum ankündigen.
Kein Geist mehr; kein Phantom oder Spionin. Sie war nun spürbar im Raum; ihre Ausstrahlung so gewichtig, wie das gesprochene Wort.
An einem Regal, aus dessen oberen Fächern schon beinahe die Pergamente herausfielen, blieb sie stehen. Einige Fächer wurden geöffnet, kleinere Kisten durchwühlt.
Turem entfernte vorsichtig die Hand von seinem Arm.
Jade verdrehte die Augen, ehe sie sich zu Scarlett umdrehte. Mit ihren Lippen formte sie einen Satz — der zu lang war, um ihn zu verstehen. Ohnehin ließ sich dahinter eine Beschwerde vermuten, die dementsprechend unwichtig war.
Mit einem großen Schritt erweiterte Turem die Distanz zwischen ihm und dem jungen Cruoren. »Hast du noch andere Wesen gesehen? Oder waren ausschließlich Cruoren dort? Wie viele haben überlebt?«
»Ausschließlich Cruoren, Veu. Ich kann lediglich schätzen. Ein drittel von uns waren in dem Teil des Gebäudes, der betroffen war. Alle anderen sind mit sicherheit sofort geflohen. Einige Schüler habe ich gesehen... darunter einige Studenten, doch sie haben sich zerstreut.«
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Seele eines Cruors
Fantasia»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
