Scarlett fühlte, wie sie in schwerelose Bewusstlosigkeit glitt, als ihr Kräuter vor die Nase gehalten wurde. Es war ihr egal, wie angreifbar sie sich machte — mehr als ihr Tod könnte immerhin nicht folgen.
Und selbst wenn; es wäre ihr egal. Sie war risikofreudig gemacht worden. Sie konnte sich sich selbst nicht ängstlich vorstellen.
Man hatte sie zu einer Maschine gemacht, der man alle Charakteristika nach Belieben einverleibt hatte. Das war zwar ihre gesamte Existenz, aber nicht ihre Persönlichkeit.
Sie wollte leben lernen.
Ihre Gedanken waren zäh und schwer. Eine lange Zeit geschah nichts. Kälte kämpfte mit einem müden Kribbeln. Dann war da noch eine enorme Schwere im Kopf, die ihre Atmung unterdrückte.
Sie nahm die Eindrücke wahr, vergaß sie. Als nächstes tat sich ein Labor vor ihr auf. Das Gesicht eines Cruoren nahm ihre Gedanken ein. Er war klein, hatte strahlende Zeichnungen auf dem Gesicht, die sie blendeten, wenn er sich bewegte. Er hatte sie erschaffen — daran erinnerte sie sich. Der Vorgang war schmerzhaft gewesen und seine Experimente hatten zu keinem Ergebnis geführt. Man hatte allen Formwandlern ein normales Leben erlaubt. Scarlett war eine der letzten gewesen, die freigelassen wurde.
Sie hatte schon immer ein Interesse für Technik gehabt. In der Grenze wurde sie aufgenommen, als sie noch eine Jugendliche war. Man hatte es nicht gern gesehen, eine unerfahrene Formwandlerin aufzunehmen, doch durch ihre Fertigkeiten und ein gelerntes Verständnis für Zahlen hatte sie sich das Vertrauen erkämpfen können... Oder vielleicht hatte sie auch nur durch ihren Humor Freunde gefunden.
Kellen hatte dort ebenfalls gearbeitet — Scarlett bezweifelte, dass das Gebäude ohne den Wissenschaftler noch stehen würde. Er war ein chaotischer, intelligenter Visionär, wie er im Buche stand. In einer Gaststätte hatte er gelebt; jahrelang, da er keinen Sinn in einem eigenen Haus sah. Die Besitzer der Unterkunft hatten sich regelmäßig darüber beschwert, dass er seine Aufzeichnungen an die Wände klebte.
Sie erinnerte sich an Jade — die erste andere Formwandlerin, mit der sie Kontakt aufgenommen hatte. Die Frau führte eine Papeterie, in der Scarlett ein Ledernotizbuch gekauft hatte.
Scarlett hatte täglich an Maschinen gebaut. Sie hatte chemikalische Regeln angewandt, Mathematik beherrscht und elendig viel in ihre Bücher geschrieben. Jade war ein regelmäßiger Ansprechpartner geworden. Und irgendwann eine Freundin. Eine Freundin — zweifelsohne die engste, die sie hatte — die anstrengende Formwandlerin, die sich für Ordnung begeistern ließ, trotzdem sie das Herz eines Künstlers hatte.
Für lange Zeit war Jade die einzige Person gewesen, die sie gebraucht hatte.
Als Scarlett das erste Mal in den Kern der Grenze geschickt wurde — dort, wo der Stamm hindurchfloss — hatte Jade sie unterstützt.
Jahre später, es war eine stürmische Nacht gewesen, ist sie Chase Harding begegnet. Das Gespräch mit ihm war eins gewesen, von dem sie hätte schwören können, es niemals zu vergessen. Sie hatte ihn nicht wegen seines Rufs verurteilt — das würde sie niemals tun. Und es hatte sich gelohnt; er hatte sich als vornehmer Mann herausgestellt, mit dem man gut philosophieren konnte.
Scarlett zuckte zusammen, als unschöne Erinnerungen aufkamen. Das erste Mal, dass Monster in der Grenze aufgetaucht waren — wie diese ihren Kollegen getötet hatten.
Sie konnte spüren, wie sich ihre Brust verkrampfte. Da war so viel Schuld; die alte Trauer. Plötzlich war es schwer, damit zu leben.
Noch einmal wollte sie sowas nicht durchleben müssen.
Sie war nach einiger Zeit auf Harding zurückgegangen und hatte für ihn gearbeitet. Jade hatte sie davon nichts erzählt — es war ohnehin unüblich für beide Frauen gewesen, über ihre Arbeit zu reden.
Dennoch; einmal war es ihr herausgerutscht. Ein kleiner Streit war ausgebrochen, doch beide Formwandler hatten wieder zueinander gefunden, als die ersten Menschen ohne Erinnerungen in der Stadt aufgetaucht waren.
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Seele eines Cruors
Fantastik»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
