»Veu Turem«, grüßte Rhun im Vorbeigehen.
Der Cruor schaute ihn mit einem Blick an, der von ungezügeltem Interesse zeugte. »Sie sehen gut aus.«
»Der menschliche Wunsch nach Ästhetik ist mir egal«, antwortete Rhun — wissend, dass es so einfach nicht war. Er könnte nicht selbstbewusst sein, wenn er so aussah, als sei er aus den gefolterten Überresten eines Nachtschwärmers zusammengenäht worden.
Er war froh, dass er aus dem Blick anderer hatte entweichen können für den Rest des Tages.
Doch Turem wirkte nicht, als würde er es bei einem kurzen Gespräch belassen wollen. Der Arzt lehnte sich hinterrücks an das Treppengeländer und schaute an seiner Kleidung hinab — was der dunkle Fleck auf seiner Schürze war wollte Rhun nicht wissen. »Wie sieht es mit Ihrer Wohnung aus, die sie bekommen werden?«
»Das Haus wird eingerichtet.« Keine Wohnung — ein ganzes Gebäude. Drei Stockwerke; relativ schlank, aber elendig hoch, zwischen zwei Läden eingebaut. Es hatte so viele Treppen, dass es Rhun an das Mehrfamilienhaus erinnerte, in dem er mit Zorn gelebt hatte.
Er hatte sogar einen Hof besichtigen können, der sich hinten anschloss. Dieser war zwar kaum größer, als ein durchschnittliches Zimmer — und Rhun wüsste nicht, wozu er eine Sitzfläche draußen benötigen würde — aber es war ein angenehmes Bild.
Das einzige Problem waren die vielen Stufen.
Wie von plötzlichem Alter befallen, musste sich Rhun an seinen Gehstock klammern. Die Schmerzen waren kaum auszuhalten. Aber mit Turem würde er darüber nicht sprechen.
Cruoren mussten Schmerzen aushalten können.
»Das freut mich. Wann können Sie es beziehen?«
Das klang, als würde Turem ihn loswerden wollen. Das war sogar verständlich; einige Mörder und einen Halb-Menschen bei sich unterzubringen tat seinem Ruf mit Sicherheit nur Schaden. »In einigen Tagen. Ich muss zuvor auch noch sehen, wo ich Harding und den Nachtschwärmer untergebracht bekomme.«
»Vielleicht kann sich Scarlett darum kümmern.«
»Wer?«
»Die Formwandlerin.«
»Ich befürchte, sie kann nicht den Ruf eines Kriminellen auslöschen«, antwortete Rhun nur. Das könnte er womöglich selbst nicht — dafür hatte er sich einerseits in Weyfris noch nicht zur Genüge bewiesen und andererseits war er noch immer im ersten Jahr seines Diensts.
Er zog den roten Mantel aus; der mit seinem Gewicht bisher die Angst aus seinem Körper gepresst hatte. Plötzlich sickerte sie wieder an die Oberfläche und am liebsten würde Rhun vor seinen Prioritäten weglaufen.
»Möchten Sie Seel und mich begleiten?«
Eine andere Stimme hallte gespenstisch durch den Flur. »Turem.«
»Wünschen Sie etwa, noch auszugehen?«, fragte Rhun schlicht.
»Ich nenne es, mir einen Überblick über die Lage verschaffen.«
Das war maßlos dämlich. »Nun, die Monster sind ebenso Ihre Arbeit, wie meine, Veu Turem.« Und gerade deswegen sollte der Arzt sich der Risiken bewusst sein.
Doch Rhun fiel plötzlich ein, dass Turem auch Gefühle hatte — das volle, menschliche Maß sogar. Also brauchte er sich nicht zu fragen, wieso der Cruor so töricht war. Er war einfach nur lebensmüde — wie so viele andere zu diesen deprimierenden Zeiten.
Turem hob die Schultern. »Wir würden uns freuen, wenn Sie mitkommen würden.«
Seel streckte wie im stummen Protest den Kopf aus der Tür. Dann zog die Frau sich wieder zurück. Einige Schranktüren wurden geöffnet und geschlossen.
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Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
