In der Stadt flackerten nur noch einige Laternen.
Jeder Atemzug lag schwer in den Lungen und fühlte sich an, wie das Stechen unzähliger Nadeln.
Die Wolken hingen tief, Winde pfiffen durch die Gassen — und selbst durch ihre Handschuhe hindurch spürte Scarlett, wie sich die Kälte an ihrer Haut festbiss. Sie schob die tauben Finger zurück in ihre Manteltasche.
Beängstigend war es, zu sehen, dass niemand ihren Weg kreuzte. Das geschäftige Weyfris glich einer Geisterlandschaft. Die wenigen Gestalten, die sich im Hintergrund regten, verschwanden in der Dunkelheit zwischen den Häusern.
Turem führte sie über offene Plätze — wo im Herbst rege Märkte und lebendige Veranstaltungen stattgefunden hatten — an Treppen entlang, durch einen Park.
Die Cruorin hielt sich dabei dicht bei ihm. Ihre kurzen Hörner schauten aus Löchern ihrer Kapuze hervor. Von der Ferne ließ sich denken, sie sei eine normale, blasse Person. Sie war nicht wesentlich größer, als eine durchschnittliche Frau. Auch Turem wirkte neben anderen Cruoren relativ klein.
Nichtsdestotrotz musste Scarlett den Kopf heben, wenn sie mit ihm sprechen wollte.
Seel rutschte auf einem Stein aus und hielt ihr Gleichgewicht, indem sie sich an seinen Arm klammerte. Sie ließ einen Ton verlauten, der irgendwo zwischen Seufzen und Stöhnen lag. »Und du bist überzeugt, dass dein Ziel wert ist, mein Leben zu riskieren?«
»Es hat nicht sonderlich viel in der Innenstadt geöffnet. Was hätte ich sonst tun sollen?« Er schaute durch einen Stahlzaun auf ein Gelände, das dahinter lag.
Es war ein Privatanwesen, auf welchem sich Schnee anstaute.
Gerade, als Scarlett die großen Fenster des Herrenhauses fixierte, bemerkte sie, dass neue Flocken vom Himmel rieselten.
Bisher war der Winter ruhig gewesen. Erst jetzt — wo sich der Frühling nähert sollte — hatte der Frost die Stadt eingeholt.
Neben ihr, am Fuße des Hügels taten sich die Mauern einer Kathedrale auf. Die Gebäude wucherten in gedämpftem Violett aus dem Boden hervor und lagen im dürftigen Mondlicht, wie unbedeutende Ruinen.
Alles, was im Hintergrund lag, war konturlos. Wüsste Scarlett nicht mittlerweile, wie die Stadt aufgebaut war, hätte sie raten müssen, welche Richtung sie ansteuerten.
Jades Vorstellung davon, womit Cruoren ihre Freizeit verbrachten, schien gänzlich falsch zu sein. Turem beschäftigte sich nicht mit feinen Restaurants, edlen Geschäften, oder anspruchsvollen Veranstaltungen.
Sie steuerten erneut — das schien sein favorisiertes Ziel zu sein — die verpöhnten Viertel der Stadt an. Die Häuser wurden mit einem Mal kleiner, kunstloser, waren von blauen Dächern und dunklen Steinen gekennzeichnet. Manche Gebäude, die auf Hügeln standen, stützten sich auf steinernen Balken.
Seel trommelte mit den Fingern auf Turems Arm. »Ich hoffe nicht, dass du wieder Bücher kaufst. Im Schlafzimmer lassen sich nicht einmal mehr die Wände sehen.«
»In die Bibliothek kann ich sie auch nicht stellen«, murmelte er gegen den Wind.
Sie umschlang mit ihrem Arm seinen. »Du könntest sie entsorgen, oder verschenken.« Sie streckte sich, bis ihre Hörner seinen Hals berührten. »Ich bin der Meinung, dass sie nicht bleiben können. Wenn man die bei dir findet-«
»Wenn du sie nicht auch immer lesen würdest, vielleicht würde ich auch weniger kaufen.«
»Kein Grund, mir die Schuld zu geben.« Sie wandte sich nach hinten, um Scarlett in das Gespräch einzubeziehen. Ihre weißen Augen schwebten nahezu unter der gräulichen Haut, während sie den Kopf senkte. »Turem bevorzugt kritische Literatur.« Etwas an ihr strahlte eine solche Dominanz aus, dass man sich gezwungen sah, schnell zu antworten.
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Seele eines Cruors
Fantasi»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
