»Probierst du auch etwas neues aus, als das, was du immer nimmst?«
»Ich schätze die alten Werte.«
»Du schätzt deine Steifheit.«
Seel schwieg einen Moment. In ihren Augen regte sich etwas; doch sie hob die Aufmerksamkeit nicht von der dampfenden Mahlzeit. Vor ihr lagen aufgeschnittene Früchte auf einem Holzteller; daneben Bohnen und Brot. »Hm, provozierst du mich? Willst du davon ablenken, dass du uns an einen Ort geführt hast, in dem ein Monster in einem Käfig gehalten wird? Besonders, weil es eigentlich deine Aufgabe ist, dich darum zu kümmern.«
»Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Soll ich einschreiten?«
»Nein«, ihre Stimme war wesentlich leiser, als sonst. Es war fast unheimlicher, wenn sie von dem militärisch-strengen Tonfall abwich. Ihre Stimme war schnittig — fortgetragen, aber gebündelt, wie Wind, der um eine Ecke pfiff. »So meinte ich das nicht.«
Er nahm eine Scheibe Brot und schnitt diese mit einem Messer in Streifen. »Ich habe nicht umsonst diese Kammer ignoriert. Sollte jemand fragen, weiß ich nichts davon. Und ihr auch nicht.«
»Selbstverständlich.« Sie schob das Essen über den Tisch, drehte den Teller, stocherte mit der Gabel darin herum. Auch, wenn es unwahrscheinlich war, schien es, als schämte die Cruorin sich, mit einer Fremden am Tisch zu essen. Sie hielt den Kopf weiterhin gesenkt.
»Wollen Sie dagegen nicht vorgehen, Veu?«, fragte Scarlett verwundert.
Es war nicht ihr Recht, sich in Gespräche einzumischen — doch sie wusste ohnehin nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie orientierte sich an der steifen Haltung von Seel.
Niemand hatte sie darauf vorbereitet, mit Cruoren an einem Tisch zu essen. Selbst wenn man es getan hätte; dann für feine Anlässe. Sie hatte nie damit gerechnet, in einem unterirdischen Markt zu sitzen, in dem auch Kriminelle ihre Waren loswurden. Über ihrem Kopf blinkten die Lichter unregelmäßig.
Turem hielt inne. Abwesend tastete er an den Stehkragen, der aus seinem Mantel hervorkam. Jedoch verkrampfte er jäh die Hand und lehnte sich zurück, um in den Gang zurückzusehen.
Seel schob ihre Finger in die Faust, die er geballt hatte. »Du gehst nicht zurück. Du bist überarbeitet genug.«
»Ich kann dagegen ohnehin nichts unternehmen. Hunderte dieser Wesen treiben in Weyfris umher. Ich kann sie nicht alle aufnehmen, auch, wenn ich es wollen würde. Diese Monster halten uns unter Kontrolle.« Er legte die Brote in sauberen Abständen in seine Suppe. »Ich muss jedoch gestehen, dass ich einen so stark Infizierten bislang nicht in der Freiheit gesehen habe.«
»Freiheit ist relativ. Er hat offensichtlich einen... Äh-«
»Einen inkompetenten Besitzer, der ihn wie ein Tier behandelt, und keine Ahnung hat, worauf er sich einlässt.«
Seel flüsterte: »Turem. Ich weiß, dass dir dieses Thema sehr nahe geht.«
»Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
»Du hast genug Arbeit. Und es ist in Ordnung, wenn du dich dafür entscheidest, Verantwortungen auszulassen. Es gibt noch genug andere Cruoren, die sich darum kümmern können.«
Aber irgendjemand musste diese anderen Cruoren informieren... Scarlett biss sich jedoch auf die Lippe. Es war nicht ihre Verantwortung. Sie war nicht Turems Assistentin.
Turem spähte einmal mehr hinter sich, bevor er sich dem Essen widmete. Nach einigen Sekunden führte er erst mit dem Gespräch fort: »Du kannst das leicht sagen. Du kümmerst dich nur um Zahlen.«
»Das ist wahr, aber du kannst meine Arbeit nicht mit deiner vergleichen. Vor allem, da mir bewusst ist, wie man Pausen einhält.« Seel versteinerte, nachdem sie den Satz ausgesprochen hatte. Sie drückte den Rücken langsam durch; der Rest verharrte, wie in absoluter Anspannung.
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Seele eines Cruors
Fantasía»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
