Eine Bahnschiene führte durch die Stadt — unmittelbar an der Straße entlang. Dunkle Steine, rote Lichter, Uhrwerke und das Summen von Bändern dröhnten in Scarletts Ohren.
Weyfris trug nicht umsonst den Spitznamen "Der dunkle Bruder von Brus". Alles war aus schwarz-blauem Stein gehauen und finstere Eindrücke drängten sich von allen Seiten an ihr Auge. Die Gebäude waren hoch; wie ein Klotz; nur mit einigen Dekorationen versehen und selbst die Balkone überblickten nur Fabriken.
Allgemein schienen die Dimensionen ausgeschlagen zu sein. Die Stadt war so groß, dass man sein ganzes Leben zwischen den Häusern verbringen könnte und — mit größter Sicherheit — noch nicht alles sah.
Direkt in ihrer Mitte prangte ein Glockenturm. Nebengebäude wuchsen dem Himmel entgegen und bildeten ein Viertel, das so abgegrenzt war, dass es eine eigene Ortschaft ergab.
Scarlett lehnte sich in der Kutsche zurück und suchte Jades Gesicht ab. Die Frau jedoch hatte der Umgebung keine Aufmerksamkeit geschenkt. Sie starrte betreten auf die Ledertaschen, die vor ihren Füßen lagen. Es war, gemessen an der Dauer ihres Aufenthalts, leichtes Gepäck. Den Hauptteil ihrer Ausrüstung erhielten sie von ihren Einsatzstellen.
Ein Leben für den Dienst in ständiger Einsamkeit — so könnte man es nennen. Auf ihrer Reise durch das Land und in die Stadt, hatte niemand mit ihnen geredet. Der Kutscher pfiff vereinzelt Lieder und brummte vor sich hin.
Je länger der Ausflug dauerte, desto extremer wurden die Umstände. Seitdem sie Weyfris betreten hatten, wechselte niemand ein Wort mit ihnen.
Wenn es das war, was man unter der großen Einsamkeit in der Stadt bezeichnete, verstand Scarlett, wieso es in der Literatur so oft thematisiert wurde. Allmählich kitzelten die dunklen Eindrücke und das fehlende Sonnenlicht verlorene Ängste hervor und sie konnte schwören, sich an die Straßen von Brus erinnert zu fühlen.
Die Formwandlerin zog sich zurück, um in weitere Ferne zu blicken. Die Reihe der Gebäude wurden von freien Flächen unterbrochen. Im Hintergrund prangte ein Loch in der Stadt und entbehrte Sicht darauf, was für Schäden der Krieg hinterlassen hatte: eine Stelle war frei von Häusern. Die Gerippe einer Kathedrale war das einzige, das blieb. Scarlett hatte bereits gehört, dass in Weyfris einige Brandstifter herumliefen.
»Ist schaurig-faszinierend diese Stadt. Die hat Ähnlichkeit mit Brus, findest du nicht?«, fragte Jade und hätte somit die Eindrücke nicht besser beschreiben können. Mittlerweile blätterte sie in einem dicken Notizbuch, das aus zahlreichen bunten Papieren zusammengesetzt war.
»Ich- Finde ich ehrlich gesagt nicht, nein«, antwortete Scarlett so leise, wie sie konnte. Die Erinnerungen an Brus verschreckten sie schon genug — ausgerechnet mit Jade wollte sie darüber nicht reden.
Sie schaute zu dem offenen Markt, der sich neben ihnen auftat. Schwarz, neblig-blau, blutiges rot. Es war wie ein Bild aus einem Horrormärchen; aber überall erstreckte sich die Lebendigkeit moderner Wissenschaft.
»Dadurch, dass hier nur die Industrie eine Rolle spielt, lebt es sich auch nicht sonderlich besser, als in Brus«, erklärte Jade und spähte dabei über die Seiten ihres Notizbuchs. Sie hatte etwas verschwörerisches im Gesicht. Ihre Brille saß wackelig auf der Nasenspitze und verlieh ihr den chaotischen Charme, den sonst nur Gelehrte an sich hatten.
»Das können wir nicht einschätzen. Wir leben hier nicht.« Scarlett blinzelte angestrengt, als sich ein wattiges Gefühl in ihrem Kopf ausbreitete. Sie lenkte sich ab, indem sie fragte: »Zu welchem Cruoren musst du zuerst?«
»Es wird dir gefallen, er hat eine große Klinik. Er wohnt direkt darüber. Und, sehr wichtig, gegenüber von seinem Haus ist ein Chocolatier.«
***
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Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
