Rhun saß abseits von seinem Körper, während ein unangenehmes Kribbeln Kopf und Brust ausfüllten. Er handelte wie im Halbschlaf; unüberlegt, von Leere geleitet und nahezu willkürlich. Die Nebelwand hatte ihn weit genug getrieben, dass er mit Chase Harding — einem elendigen Mörder — über seine Gefühle geredet hatte.
Nachdem Harding ausgiebig Witze gerissen hatte, war er tatsächlich zum angenehmen Gesprächspartner geworden. Scheinbar fühlst du Wut, Cruor, hatte er gesagt. Oder Verbitterung... Frust.
Als hätte diese Information ihm geholfen, hatte Rhun sich bedankt — wenn er auch verzweifelter war, als zuvor. Verzweiflung war ein weiteres Wort, das Harding verwendet hatte. Das schien der Mann oft genug gefühlt zu haben, da er darauf all seine Straftaten zurückführte. Mit ihm ließ sich nichtsdestotrotz besser sprechen, als Rhun erwartet hatte.
Wenn er die Menschen mittlerweile richtig einschätzen konnte, konnte er sich vorstellen, dass auch Chase viel Verbitterung und Schuld mit sich trug.
Alles andere, das im Gespräch gefallen war, hatte Rhun vergessen. Die Zeit hatte ihn mit sich gezogen und auch von der Schiffsfahrt in den Westen hatte er nicht mehr mitbekommen, als die gelegentlichen Besuche der Ärztin, wenn sie ihn mit Medikamenten versorgte.
Ohnehin wurde er größtenteils alleingelassen. Das war auch besser so. Rhun fühlte sich zu verwundbar, um in einen Plausch mit Caden, oder Kenga zu verfallen. Harding sah man nahezu nie und allmählich beschlich Rhun die ungute Vermutung, dass man ihn eingesperrt hatte — in einem Bereich des Schiffs, den er noch nicht begangen hatte... doch Rhun wagte sich nicht, nach ihm zu fragen.
Das erste Mal nach einigen Tagen sprach er wieder, als Kenga versehentlich in ihn hineinlief. Für einen Moment riss der Nachtschwärmer die Augen auf, bevor er den Rücken durchdrückte. »Veu. Bitte verzeihen Sie... Oh, Sie sehen schon wesentlich besser aus.«
»Nun, immerhin bin ich bislang nicht gestorben.« Das hatte Declan ihm versprochen. Um seine Lebendigkeit zu halten müsste er nur die Arztpraxis in Weyfris aufsuchen.
»Gibt es einen- ähm. Wir- wo gehen Sie hin, wenn wir ankommen?«
»Ich befürchte, Sie und Harding müssen vorerst bei mir bleiben. Daher gibt es, auch zu meiner Enttäuschung, keine freie Wahl darüber, was wir tun.« Aus Kengas Miene konnte er nicht lesen, weshalb Rhun hinzufügte: »Ich habe die Verantwortung für Sie übernommen und für alle Schäden, die Sie auslösen. Und uns beiden ist bewusst, dass Chase Harding stets ein bitterer Geschmack auf der Zunge ist.«
»Und deswegen müssen wir für immer bei Ihnen bleiben? Sie glauben doch wohl nicht-« Kenga fuhr nicht fort. Er schien darauf zu warten, dass Rhun ihn unterbrach.
Stille lag zwischen ihnen, während Rhun nur zu ihm schaute — und verzweifelt versuchte, das wattige Gefühl in seinem Kopf zu bekämpfen. Dann erst sprach er: »Nicht für immer. Ich werde Sie, sobald ich kann, freilassen. Ich werde Sie nicht zu anerkannten Bürgern machen... aber ich kann dafür sorgen, dass Sie für ihre alten Taten nicht mehr bestraft werden können.«
»Und das weiß Chase?«
»Er kennt seine Rechte genauso gut, wie ich. Sonst hätte er mich nicht am Leben gelassen. Er weiß, was ich für ihn tun kann.«
»Sie scheinen sich wundervoll zu verstehen, mittlerweile.«
»Das war wahrscheinlich einer Ihrer humorlosen Scherze?«
»Ich meinte das ausnahmsweise ernst«, entgegnete Kenga mit einem nervösen Lachen.
Rhun schüttelte den Kopf — nein, er kam nicht gut mit Chase Harding aus. Doch er konnte kaum eine Antwort formulieren, da es sich anfühlte, als würde nicht nur sein Körpergewicht, sondern sein ganzes Leben, auf seinen Gehstock gestützt werden. Seine Knochen taten ihm weh. Kein Medikament hatte dagegen ankämpfen können. Eigentlich war das nichts neues; er konnte sich seit Jahren nicht mehr vorstellen, ohne Gehstock zu leben — aber plötzlich wirkte der Gedanke wie ein endgültiges Todesurteil.
»Nein, Kenga DeVaux, das zwischen Harding und mir ist kein subtiler Balztanz.«
Was auch immer es war, das Rhun in den Körper gespritzt bekommen hatte... er fühlte sich leer, dumpf und schwer — fast, als sei er nicht mehr da.
Er wankte nach draußen, um zu beobachten, wie das Boot durch einen kleinen Fluss trieb, der ihm auf Landkarten bislang nicht aufgefallen war.
Er konnte mitansehen, wie tot das Land war, wie viel der Krieg unter sich zerstört hatte. Es war trist, kälter als in Brus und Weyfris wirkte mit seinen bläulichen Farben und kolossalen Bauten wie ein Portal in die unterste Höllenebene. Die große Stadt hatte sich um einen Hügel herum ausgedehnt. Je näher sie kamen — und die ersten zerstörten Randviertel durchquerten — desto mehr suchten Rhuns Augen die Ähnlichkeiten nach Brus.
Uhrwerke, Schilder und Tonscheiben hingen von den Dächern herab, Dampf stieg dahinter auf und der nackte Stein glich den ernüchternden Eindrücken aus Rhuns Heimat... Dem Handwerkerviertel, wo neben exzentrischeren Künstlern besonders viele Cruoren gelebt hatten.
Plötzlich wunderte ihn nicht, dass so viele Cruoren freiwillig nach Weyfris versetzt wurden — und auch die Flüchtlinge die Stadt bevorzugten. Sie kam den ruhigen, gesitteten Teilen von Brus nah. Und so sehr, wie viele Menschen die Stadt auch hassten: Heimat hatte eine magnetische Wirkung auf sie; wie ein Licht in der Nacht, das Motten anzog.
»Eine Kutsche wartet auf Sie und Ihre Begleitung, Veu.« Die Ärztin tauchte hinter einem Stapel Kisten auf, der vielfach größer als sie selbst war. Ihre Bewegungen waren verdächtig leise — wenngleich ihre Stimme auch weniger anmutig klang. Neben ihm hielt sie inne. »Benötigen Sie noch meine Hilfe? Wie geht es Ihnen?«
»Es geht mir bereits besser, vielen Dank. Mir wurde empfohlen, Veu Turem aufzusuchen.«
»Ja. Den Befehl hat auch Veu Declan erteilt.«
»Befehl? Dazu war er noch in der Lage?« Es folgte keine unmittelbare Antwort. Rhuns Unruhe wurde von Panik untergraben. »Was hat er noch befohlen?«
»Veu, bitte genesen Sie. Alles andere wird auf Sie warten.«
»Was soll auf mich warten?«
»Ihre Arbeit.«
Er hielt inne — nicht, um zu überlegen, was er sagen könnte, sondern um daran zu zweifeln, dass er sie richtig verstanden hatte. »Ich habe hier bereits Arbeit?«
»Natürlich. Wir benötigen jemanden, der sich um die Stadtwacht sorgt. Wir haben nach Ihnen gesucht. Veu Declan hat-«
Rhun riss den Kopf zu ihr herum, weshalb sie schwieg. »Declan hat was?«
»Sie gesucht für uns.«
»Er war- Er hat... Er wollte mich also schlichtweg einfangen, damit ich in den Dienst gezwungen werde? Deshalb kam er zu mir und ist geblieben. Weil er sich immer noch für mich verantwortlich fühlt. Wegen einer verdammten...«
»Veu, ich weiß nichts davon. Bitte beruhigen Sie sich, Sie sind gerade voller Zorn.«
Zorn — ja. Rhun war offensichtlich sein Schüler gewesen.
»Und dieser andere Cruor... Veu Turem. Er weiß, dass ich komme? Er weiß, wer ich bin? Er weiß, worauf er mich behandeln muss?«
»Ja, wir haben ihn darüber informiert. Er hat sich bereits belesen, um Ihnen zu helfen...« Sie hielt inne und trat einen Schritt zurück; ihre Augen weiteten sich vor Schrecken. »Haben wir Sie dadurch verärgert?«
Rhun wusste nicht, wie er antworten sollte.
Nein, für die angestaute Wut war jemand anderes verantwortlich — jemand, an den Rhun sich nicht mehr rächen konnte... Und das machte diese unerträglichen Gefühle nur zerfleischender.
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Seele eines Cruors
Fantasía»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
