Rhun stand auf dem Schiff, das noch immer im Hafen trieb. Der Mast ragte in den Himmel, wie ein abgebrochenes Schwert im Kampf.
Er lehnte sich daran, als Schwindel in seinen Kopf tauchte. »Ich kann nicht. Ich muss mich wieder hinlegen.«
»Veu Declan hat befohlen, dass wir Sie zu ihm bringen.«
»Ich bin ebenso schwach, wie er.«
»Wir werden Sie schnellstmöglich versorgen. Es sind bereits zwei Ärzte auf dem Weg.«
Rhun kniff die Lider zusammen und lehnte seinen Kopf zurück. Er konnte spüren, wie sich sein Kiefer bewegte und gegen die harte, versteinerte Miene drückte. »Kann Declan nicht warten?«
»Es sind seine letzten Augenblicke, Veu. Ich muss Sie bitten, mich zu begleiten.« Der Ton ließ keine Widerrede zu. So gerne Rhun sich einreden würde, dass er noch nie von einem Menschen derart bevormundet wurde, so falsch wäre es. In den letzten Monaten hatte Harding häufiger über sein Leben entschieden.
Der Soldat fügte nach einem langen Atemzug hinzu: »Ich möchte Sie nicht dazu zwingen.«
Der Tod eines Cruoren bedeutete der letzte Atem einer Herrschaft. Das Ende des Lebens wurde, wenn möglich, ehrenvoll beendet. Normalerweise versammelten sie Vertraute um sich — jene Cruoren, mit denen sie am engsten gearbeitet hatten.
So unruhig, wie das Schiff war, fühlten sich auch Rhuns Beine an, als er vortrat. »Mein Gehstock«, fauchte er.
Ein anderer Wachmann reichte diesen zu ihnen. Anders als der andere hatte er keinerlei Narben im Gesicht. Er nickte zum Gruß.
Sie verließen das Schiff — doch Rhun achtete weniger auf den Weg, als mehr darauf, den Kopf nicht zu stark zu bewegen. Mittlerweile stützte der Gehstock einen Hauptteil seines Gewichts und er krallte seine Finger um die goldenen Hirschhörner, die daran angebracht waren.
Sie hielten auf ein kleineres Schiff zu, das reich verziert war.
Als Rhun stehenblieb, um durchzuatmen, packte ihn der Wachmann plötzlich an den Mantel und drückte ihn vorwärts. Die Hand auf seiner Schulter war erbarmungslos, vertärkte die Schmerzen nur und der schnelle Schritt war nahezu kaum auszuhalten.
Rhun schaute an seiner neuen Kleidung herunter — weinrot und mit sauberen Stickmustern versehen.
Es war das eine, ihn fein einzukleiden, als habe er etwas zu bedeuten... und wie einen willkommenen Gast zu behandeln. Er war kein Gast; mehr wie eine quälerische Erscheinung, die man besänftigen musste.
Und Declans Art ihn zu besänftigen, war stets die Gewalt gewesen.
Die Tür hing schräg in ihren Angeln, doch wurde schnell aufgestoßen, bevor Rhun in den Innenraum dahinter gezwungen wurde.
Er fing sich mit einer Hand an einem Tisch ab, fiel jedoch unkontrolliert nach vorne, in die Arme einer Frau hinein.
»Declan es-« Rhun verharrte — verloren in dem Anblick, der sich ihm bot. Declans Fassade eines unnahbaren Cruors hielt sich wackelig. Seine Haut war spröde, die Augen merkwürdig trüb. Er lag auf dem Rücken und starrte durch ihn hindurch. Seine Beine waren unter einer Decke begraben, die sich über den Boden auslegte, wie ein Wellenmeer.
Über ihnen hing ein Vorhang, bestehend aus Federn, die sich im Windzug bewegten, als handle es sich bei ihnen um einen tatsächlichen Schwarm Vögel.
»Ich habe dir gesagt, du kannst mich nicht retten.« Er rückte hoch, an das Kopfende, das seine Hörner umschloss, wie eine Haube.
»Du wirst nicht sterben.« Rhun schüttelte die Hand des Wachmanns ab. »Und wenn du es solltest, wünsche ich nicht, während deiner letzten Atemzüge mit dir in einem Raum festgehalten zu werden.«
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Seele eines Cruors
Fantasia»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
