Der Tag, an dem Asche starb, war neblig und dunkel.
Dolunay hatte nur genickt, als sie es erfuhr. Doch die unverhoffte Meldung hatte sie erreicht, wie ein Gewitter die Stadt. Und es hatte in ihr eingeschlagen — wie in einem Turm, der zuvor schon kurz vor dem Zerfall stand und jetzt in Brand geriet.
Sie hatten sich gekannt — viele Jahre sogar. Dolunay hatte Asche kennengelernt, da war sie selbst noch frisch in der Stadt.
Als Asche noch in Brus gelebt hatte, waren sie gute Bekannte gewesen. Sie hatten einige Gespräche darüber geführt, dass Kämpfen so notwendig wie grausam war.
Asche hatte eine verworrene Vergangenheit. Nur Harding kannte ihre vollständige Geschichte, doch Dolunay hatte einmal herausgehört, was ihr jetzt — nach dem Tod der Frau — Schuldgefühle beschaffte. Asche war in einem guten, reichen Haushalt aufgewachsen, der durch einen Hausbrand zerstört wurde. Ihre Familie hatte es nicht überlebt.
Sie war als frühe Jugendliche im Armenviertel gelandet, wo sie sich hochgekämpft hatte. Sie war lang eine Konkurrentin für Harding gewesen, doch durch einen gemeinsamen Auftrag hatten sie zueinander gefunden. Ihre Annäherung hatte kurzzeitig einer Romanze geglichen, aber Asche — damals noch mit dem Namen die Sichel — hatte etwas gefährliches getan.
Es war auf eine andere Art gefährlich, als sonst im Armenviertel gestattet war. Es war etwas geheimes, unerklärliches und sie musste die Stadt verlassen.
Sie war ebenso oft geflohen, wie Dolunay es musste. Und nun war sie tot.
In den letzten Jahren hatten die beiden Frauen sich auseinandergelebt, sodass sie sich eh nur noch wie Fremde benahmen... Aber sie hatten eine gemeinsame Vergangenheit und einige Ähnlichkeiten.
Die Frage nach dem, was hätte sein können, hing so schwer in der Brust, wie alle anderen Unmöglichkeiten auch.
Tagträume waren eine Ablenkung von der Realität — und jeder Mensch liebte die Ablenkung. Abschied zu nehmen war ein trauriger Atemzug, der zu tief für Dolunays Lungen war.
Sie wollte sich einreden, dass Asche noch lebte. Ihre Überlegungen und Tagträume waren eine behelfsmäßige Brücke für den Verstand, der schon zu viel erlebt hatte.
Oryn, der ihr die Nachricht unterbreitet hatte, stand an der Wand. Er hatte eine grüne Weste an, die er selbst angefertigt hatte. »Mein Beileid.«
»Schon gut. Gibt es etwas neues aus Brus?«
»Du brauchst nicht abzulenken. Du darfst weinen. Möchtest du- Soll ich dich- Brauchst du eine Umarmung?«
Dolunay zog die Augenbrauen hoch, bevor sie die Züge wieder versteifte. »Ich verzichte, danke.«
Oryn gab einen leisen Laut von sich. Er überkreuzte die Arme vor der Brust. Das Licht, das er ausstrahlte, zuckte über die dunkle Wand.
Sie wiederholte: »Gibt es etwas neues aus Brus?«
»Weiß ich nicht.«
»Oryn«, begann sie flüsternd. »Sag es mir.«
»Die Stadt ist dein zuhause-«
»Nein. Glücklicherweise nicht. Das wäre sie auch nie geworden.« Die Aart hob den Kopf, um Oryn zu fixieren.
Er musste etwa ihr Alter sein. Für einen Aart noch sehr jung; ein Gesicht mit markanten Wangenknochen und einer Nase, deren Spitze weit heruntergedrückt war. Seine Aufmerksamkeit huschte nervös durch den Raum.
»Von Tag zu Tag leidet Brus immer mehr. Selbst wenn die Monster irgendwann verschwinden... Man müsste sie wieder aufbauen. Die Häuser zerfallen, als vergehe die Zeit dort schneller.«
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Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
