Alles, was auf diesen Augenblick folgte, war zu schnell gegangen.
Den einen Moment hatten sie das Wesen versorgt, die Wunden behandelt und ihm Medizin eingeflößt — wobei Scarlett tatsächlich geholfen hatte und ihre Emotionen ignorieren konnte — im Anschluss hatten sie das Monster zurückgebracht. Und im nächsten Moment lag Jade auf dem Boden und war nicht mehr ansprechbar.
Es waren einige Schrecksekunden vergangen, doch Saffile hatte schnell gehandelt, die Formwandlerin auf den Arm genommen und in die Schlafkammer getragen.
Scarlett hingegen stand anteilnahmslos neben der Pritsche, auf der Jade lag und beugte sich schwach über ihren bleichen Körper. »Geht es?«
Jades Lider waren träge, ihr Blick galt ausdruckslos der Decke. Selbst, als Scarlett ihre Stirn anfasste, spannte sich nur ein Muskel in ihrer Wange an.
Dafür, dass sie mittlerweile die wehleidige spielen konnte, hatte Jade zuvor ein dominantes Verhalten an den Tag legen können. Jede Hilfe hatte sie abgelehnt; Saffiles Hände von sich geschlagen und nur mit einem Murren akzeptiert, dass man die Fenster öffnete.
»Das arme Ding«, sagte sie schließlich. Mit einer Hand tastete sie die kargen Steinwände ab, die den Raum umschlossen. »War doch klar, dass ich das nicht mitansehen kann-«
Saffile stand im Türrahmen. Mit verkreuzten Armen hielt sie ihre Strickjacke zusammen und stieß pfeifend die Luft aus. Einige Arterien schlängelten sich auf ihrer Stirn entlang und schienen immer größer zu werden. Sie suchte Blickkontakt zu Scarlett. »Melodramatisch für einen Formwandler. Woher kommt das denn?«
Scarlett wünschte, sie würde die Antwort kennen; doch niemand würde dieses Verhalten erklären können.
Melodramatisch war das, was Jade tatsächlich beschrieb — zusammen mit verschroben, verwirrend und wahnsinnig.
Selbst wenn es eine Erklärung dafür gab; dann war diese immer noch keine Begründung, die ausreichte.
Scarlett atmete tief durch. Sie wusste, dass sie sich nicht beschweren sollte — immerhin hatte sie selbst noch vor wenigen Sekunden das Gefühl gehabt, den Verstand zu verlieren.
Die Kristalltürme im Untersuchungsraum hatten etwas an sich, das im Schwebezustand zwischen Bekannten und Befremdlichen lag. Es war ein Widerspruch, doch sie wusste: Das Bekannte schlug schnell um — und nichts konnte so Fremd werden, wie das Familiäre.
Etwas hatte Erinnerungen geweckt, die verloren in ihrem Verstand ruhten.
Der Unterschied war, dass Scarlett gelernt hatte, keinen Wert auf Gefühle zu legen. Vor allem, wenn Arbeit vorlag.
Erst seitdem sie in der Kammer angelangt waren, in der die beiden Formwandler schliefen, hatten sich ihre Gedanken beruhigt. Der kleine Raum war einengend, doch gerade das ließ ihn kuschlig erscheinen.
Das Fenster überblickte einen kleinen Hinterhof, von dem man nur die Schuhe der vorbeigehenden Passanten erblicken konnte.
Einige Pflanzen rankelten aus Nischen heraus und dehnten sich über der Decke aus.
Jade grummelte etwas; dann brach wieder Schweigen aus.
Selbst Saffiles Atmung schien flacher zu werden.
Und die plötzliche, tiefe Ruhe lag wie ein tauber Druck auf Scarletts Ohren. Kein Eindruck, ein karges Zimmer, schwaches Licht... Erst jetzt bekam sie zu fassen, was zuvor geschehen war. Sie hatte das Wesen gehört. Sie hatte Worte herausgehört.
Selbst, wenn es ihrer Einbildung entsprang, war es ein beängstigender Gedanke, der viel aussagte.
»Warum habt ihr ihm das angetan?«, keifte Jade — so aggressiv, wie man mit halben Atem sein konnte.
DU LIEST GERADE
Seele eines Cruors
Fantasía»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
