Rhun kniete vor einer Schale Wasser, in deren Inneren er seine Reflexion betrachten konnte. Oder das, was auch immer es war, in dem er steckte.
Die Hirschhörner, die dunkelgraue Haut, weiße Augen, völlige Ausdruckslosigkeit. Was war er? Von seinem Inneren sah man nichts, als seinen Atem in der kalten Luft.
Von Außen war er eine Hülle; nichts gewehrte einen Eindruck auf seine Gedanken. Vielleicht sah er tatsächlich neutral aus; nüchtern und perfekt; vollkommen und souverän.
Doch war Rhun tatsächlich ein Lebewesen, wenn er darauf angewiesen war, Chemikalien in den Körper gespritzt zu bekommen?
War er so künstlich, wie die Formwandler? War er überhaupt lebendig, wenn man ihn künstlich erschaffen musste?
Er existierte nur, um Aufgaben zu erfüllen. Eine Aufgabe, die von ihm verlangte, zu anderen Cruoren zurückzukehren. Darin hatte er versagt. Rhun wollte nicht zurück.
Er würde niemals zurückkehren, wenn er keine Angst vor dem Tod hätte.
Etwas regte sich in seinem tiefsten Inneren, das tiefer waberte, als Angst. Es war Erwartung — lag schwer in der Brust, wie Vorwissen. Da war etwas... Aber Rhun konnte es nicht greifen.
Er schaute auf seine Schulter zurück, wo sich schwarze Farbe über seine Haut zog. Es kam tatsächlich einem Monsterbiss gleich — zumindest sahen sie so aus. Er war jedoch nicht gebissen worden; nicht, dass er es bemerkt hätte. Seitdem ihm das Mal auf der Schulter aufgefallen war, hatte sich dieses nicht verändert.
Das konnte kein Monsterbiss sein. Es durfte keiner sein.
Rhun nahm Wasser in die Hand, rieb es auf die Stelle, hoffte, dass sich etwas verfärben würde, bevor es auf den Schnee fiel, doch die Flüssigkeit blieb klar. Immer wieder rieb er über die Stelle, kratzte sie wund; hoffte, dass es nicht tief genug lag, sondern irgendwann verschwinden würde.
Es blieb. Das Wasser tropfte auf den Boden.
Mit jeder Bewegung wurde der Schmerz stärker. Die schwarze Stelle auf seiner Schulter — das Unbekannte auf dem Fremden.
Kannte Rhun sich selbst? War er nicht ebenso fremd, wie alles um ihn?
Er rieb sich die Arme, die Hände, das Gesicht. Was war er? Warum hatte er Gefühle?
Warum sollte er Chemie brauchen, um am Leben zu bleiben? War er wirklich Nachkomme eines Gotts? Warum dann hatte man ihn nach seinem Ebenbild erschaffen müssen? Warum dann hatte er Gefühle?
Warum wollte er nicht zurückkehren? Der Hass auf die Menschen brannte tief in seiner Seele — dort, wo er ihn gepflanzt hatte.
Und jetzt rieb Rhun mit den Händen über sein Gesicht, hoffte, Menschlichkeit unter seiner Haut zu finden.
Etwas, das ihn erklärte.
Doch mit jeder Hand voll Wasser verlor er mehr von sich selbst.
***
Die drei Tage, die auf den Angriff des Dorfs gefolgt waren, waren unheimlich gewesen. Das Wetter hatte jede Flucht endgültig verhindert und Hardings Gruppe sah sich gezwungen, bei Asche zu bleiben, bis der Schnee taute.
Die Frau ließ sich nicht blicken. Starkes Fieber hielt sie im Bett und dementsprechend missmutig waren alle, die sich als ihre Freunde bezeichneten.
Nicht einmal, als sie aufgebrochen waren, gab es einen Abschied.
Rhun hatte seinen Rücken an einen Baum gelehnt. Das Echo sanft gesprochener Worte dröhnte aus dem Hintergrund zu ihm. Der Weg, einen kleinen Hüfel aufwärts, wo sie nun Rast machten, hatte alles von ihm abverlangt. Sein Kopf war zu leicht; die Knie zitterten und er hatte nicht einmal genügend Kraft, seinen eigenen Gehstock zu halten.
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Seele eines Cruors
Fantasía»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
