Chase saß am Bach. Neben ihm knisterte ein Feuer — das nicht nur verräterisch genau seine Position verriet, sondern auch angenehme Wärme durch die Herbstnacht jagte.
Dolunay schritt mit trügerischer Selbstsicherheit zu ihm. Das blaue Leuchten ihrer Haut reflektierte auf dem Wasser. Mittlerweile waren die frühen Abendstunden dunkel; letzte Vögel verirrten sich in der Ferne und Laub wurde von der Strömung fortgetrieben. Im Hintergrund verschwand das Gewässer im Wald.
Harding drehte sich zu ihr, noch bevor sie in Hörweite gelangte.
Eine Zigarre klemmte zwischen seinen Fingern. Eine weiße Wolke erhob sich in den Himmel und vereinte sich mit dem Qualm des Feuers.
»Wo hast du die denn schon wieder her?«, fragte sie — und eine solche Woge Nostalgie entlud sich über ihr, dass sie fast untergespült wurde. Sie wurde langsamer; Schritte mechanisch; die Atmung flach.
Es fühlte sich richtig an, auf ihn zuzugehen. Und nun, wo sie darüber nachdachte, verdrehte sich dieses Gefühl, bis es im Gegenteil endete. Es war falsch. Mit ihm zu reden, als sei er ein alter Freund, war nicht, was es gewesen war. Es war falsch. Falsch, falsch, falsch.
Chase erwiderte die Offenheit nicht. Anstatt eines amüsierten Blicks über seine Schulter, verirrte sich Verwirrung in seinen Zügen... Auch, wenn sein Ton noch der selbe war, wie damals: »Asche kommt an sowas immer heran.«
Die Perlen in Dolunays Haaren — die wenigen, die die Flucht aus Brus überlebt hatten — klimperten, als sie sich neben ihn in das Gras setzte. Sie legte ihr Kinn auf den Knien ab, während sie über das trübe Gewässer herausblickte. »Die Sache mit Oryn und dem Aart-Priester tut mir Leid.«
»Im Endeffekt ist zwar nichts passiert... Aber-« Chase stieß den Rauch beim Sprechen aus. »Ich verstehe es nicht. Seit wann stellst du dich auf die Seite der Aart-Priester?«
»Das war- Es ist nicht so gelaufen, wie ich wollte. Ich habe darüber nicht wirklich nachgedacht.«
»Darüber nicht nachgedacht? Du warst ziemlich überzeugt, dass wir Brus retten sollten.«
»Vielleicht sollten wir ihn nochmal anhören.« Sie zwang sich, fortzufahren, als er nicht antwortete. »Es gibt erste Hinweise auf Nahrungsmittelknappheit, oder nicht?«
Chase schloss die Lider. »Dolunay. Das ist jeden Herbst so.«
Diese spannte den Kiefer an. Ihr Verstand zwang sie, das Gespräch am Leben zu halten — doch am Ende gewann die Angst. Stattdessen zeigte sie auf die Zigarre. »Darf ich?«
Er überlegte lange genug, dass die Frage unangenehm wurde.
Er brummte erst; überreichte sie ihr dann.
Den Kopf hatte er in den Nacken gelegt, um in den Nachthimmel emporzublicken. Die zwei Monde waren hässlich-schwach und thronten als Sicheln über den Baumwipfeln.
»Dieser Cruor, der jetzt im Krankenlager ist«, sagte er schließlich. »Was hat der mit Rhun zu tun?«
»Alte Bekannte. Wir sind ihm begegnet. Er ist... Ich weiß nicht, wo er hergekommen ist. Wir-«
»Wir?«, unterbrach Harding. Er zog die Brauen herunter, bis sich das finstere Starren hervortat, dass er sonst nur hatte, wenn er Schelten verteilte.
Wie auch Dolunay hatte er keine eindeutige Mimik, sondern eher eine Aneinanderreihung willkürlicher Muskelregungen. Doch sie hatte mittlerweile gelernt, aus jedem steifen Gesicht die Abneigung herauszulesen.
Sie erklärte langsam: »Veu Rhun wollte mir etwas zeigen. Er hat eine Stelle entdeckt, von der aus man auf Brus schauen kann. Ich bin ihm gefolgt.«
»Aber-«
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Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
