Der Morgen war frei von Wolken und schwer im Gemüt. Noch immer saß das Cruoren-Kind am Tisch und starrte aus dem großen Fenster, das einen Marktplatz überblickte. Sie trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte, bis Seel ihr anordnete, still zu sein.
»Tut mir Leid, dass das Wetter dich eingeschlossen hat.« Sie stellte ihren Teller ordentlich beiseite, bevor sie einen Blick in die Ferne warf — dort, wo der große Turm mit seiner Uhr die Stadt überwachte. »Wir bringen dich gleich zurück und dann hast du einen Alltag... Eine Aufgabe.«
Dieser Plan stand länger schon im Raum, doch Turem hatte sich von Efe überreden lassen, dass sie länger bleiben durfte.
Doch das Cruoren-Kind war noch immer unzufrieden. »Das ist nichts wert, wenn wir- wenn ich-«
»Strenge tut dir gut.«
Scarlett stand lediglich an der Wand und wartete, dass jemand einen Befehl aussprach, oder sie in das Gespräch einbezog. Es kam nichts. Stattdessen surrte ein mechanischer Käfer vor der Fensterscheibe und bat um Einlass. Es war eine alte Technologie, die aus Brus überlebt und ihren Weg in den Westen geschafft hatte.
Es war mittlerweile ein gewohntes Bild, dass sie an ihren Fenstern auftauchten.
Der Großteil der Briefe, den sie transportierten, war für Turem bestimmt — so auch wahrscheinlich der, der jetzt auf dem Tisch lag.
Scarlett drehte an einem Rad, um die Flügel aufzuklappen. Es war wenig überraschend, dass der kleine Zettel, den sie verbargen, mit der schrägen Inschrift Veu Turem versehen war.
In den letzten Tagen war das metallische Surren der Maschinen das einzige gewesen, das die frostige Luft mit Bewegung versehen hatte.
Der Winter hatte mit eiserner Faust die Stadt erobert, die sich erst vor kurzem erholt hatte. Die Kälte war erbarmungslos — und Scarlett wünschte, sie hätte genug Erinnerungen, um es mit den Vorjahren zu vergleichen.
»Turem hat mir gestern Abend mitgeteilt«, fuhr Seel fort. »Dass eine gute Hälfte der Schüler schon zurückgekehrt sind. Du bist nicht allein.«
»Und die andere Hälfte?«
»Irrelevant«, gab Seel zurück.
Das junge Cruoren-Mädchen schien sich mit dieser Antwort nicht zufriedenzugeben. Sie drehte sich um, um sie zu fixieren.
Seel hingegen ließ sich von dem unermüdlichen Starren zwei intensiver, weißer Augen nicht beirren. Stattdessen öffnete sie den an Turem adressierten Brief und überflog ihn mit nachlassendem Interesse. »Sie suchen immer noch nach Zorns Nachfolger. Es gibt erste Gerüchte, dass man ihn gefunden hat und hierherbringen wird.« Sie hielt inne, um Efe zu fragen. »Wäre das nicht etwas für dich? Die Stadtwacht zu kontrollieren?«
»Ist das nicht viel Arbeit und Verantwortung?«
»Selbstverständlich. Dafür bist du ein Cruor. Arbeit ist dein...« Seel bremste sich aus. »Gibt es etwas anderes, das du lernen willst?«
»Ich würde gern bleiben.«
Bislang hatte Efe nichts von der Arztpraxis sehen können. Sie hatte keine Ahnung von den Patienten, die im Kellerraum untergebracht waren... selbst Scarlett war lange nicht mehr dort gewesen. Jade hatte sich darum gekümmert.
Efe hatte keine Ahnung, was ein Arzt, wie Turem, tat.
Die Cruorin antwortete lange nicht. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Wir haben nicht- für einen so jungen Schüler haben wir nicht genügend Zeit. Wenn du älter bist, können wir nochmal reden.«
»Und wenn die Universität wieder angegriffen wird?«
»Ihr befindet euch nicht mehr dort, sondern an einem anderen Ort, der geheimgehalten wird.«
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Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
