Dolunays Herz zerbrach in der Sekunde, in der sie alleine war.
Sie hatte mit Brus ihr Zuhause verloren — ein zweites Mal.
Sie hatte jene enttäuscht, die ihr wichtig waren — ein zweites Mal.
Sie hatte einen drastischen Fehler gemacht — ein zweites Mal.
Chase' Schrei hallte noch immer in ihren Ohren und weckte Erinnerungen, die lieber verborgen geblieben wären.
Während die anderen in eine Diskussion verfallen waren, war sie gegangen. Jedes Wort war zu viel; sie wollte alleine sein.
Dolunay war in einen Strudel aus Schuld geraten. Scham hatte sich in ihren Venen ausgebreitet und jeder Atemzug fühlte sich an, als inhaliere sie die Essenz ihrer Vergangenheit.
Vor alldem wollte sie fliehen. Wenn sie könnte, würde sie vor sich selbst weglaufen.
Es wäre nicht nur erfolglos, sondern auch naiv.
Manchmal hatte sie Angst, ihren Gedanken zu begegnen. Die Ehrlichkeit brachte sie um den Verstand.
Vor sich selbst konnte sie nicht weglaufen; doch der Gedanke, zu flüchten und nie wieder in eine Gesellschaft zurückzukehren war so stark wie noch nie.
Dabei war sie erst vor wenigen Jahren in Brus angekommen.
Wann immer Dolunay über ihr Leben nachdachte, fühlte es sich an, wie die Geschichte eines Buchs.
Es war eine Geschichte, der eine Lehre fehlte.
Und es war ein Kapitel, das sie nur mit wenigen teilte.
Die Nacht des Geschehens war so stürmisch gewesen, wie es für das Frühjahr üblich war.
Dolunay hatte in einer Hütte gelebt, die einige Minuten von der Siedlung entfernt war.
Das Kind des Bogens hatte man sie genannt — ein Titel, der einem schaurigen Monster gleich wurde. Und das alles hatte seinen Ursprung darin gefunden, dass sie mit professioneller Genauigkeit mit Pfeil und Bogen umgehen konnte.
Bei den Schießübungen hatte Dolunay stets die besten Leistungen vorgewiesen. Das, worauf sie anfangs stolz gewesen war, sollte allerdings nicht lange wehren.
Sobald ihr Talent bekannt wurde, hatte ihr Leben eine Wendung gemacht.
Die Aart verhielten sich distanzierter und begegneten Dolunay mit Skepsis.
Sie waren ein friedliches Volk. Für jemanden, der mit Waffen umgehen konnte, hatten sie keinen Platz.
Selbstverteidigung lernten die Aart — aber es war verrufen.
In den Stätten glaubte man fest an ihren Gott und dessen Lehren.
Somit war es außer Frage, dass jeder Aart mit einem Talent geboren wurde. Bei den meisten war es Kunst, Musik, der Umgang mit Tieren und Pflanzen; andere konnten in Träume tauchen, oder Gefühle erkennen.
Aart-Priester können das Leben von anderen lesen, als sei es ein Buch.
Doch Dolunays Talent war das Bogenschießen. Sie war ein begabter Mörder.
Musikalisch war sie nicht — trotz aller Bemühungen, den rechten Weg zu finden.
Verständnis für Kunst hatte sie nicht.
Tiere liebte sie zwar, jedoch nicht mehr, als die meisten anderen.
In Träume tauchen konnte sie, doch auch darin war sie nicht gut. Ihre Gebilde waren intakt, instabil oder ineffizient.
Nichts war gut genug und nichts war ausreichend.
Kämpfen war das, was sie stets gemeistert hatte.
Es stieß ihren Eltern bitter auf; dem Priester und bald auch Dolunays Freunden.
Mit den Jahren wurden die anderen distanzierter. Dennoch kamen sie zu einer Entscheidung, mit ihr umzugehen: Dolunay sollte als Wächter der Stätten eingesetzt werden. Vereinzelt sollte sie Raubtiere erlegen; oder Opfergaben herrichten.
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Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
