Etwas an dem Bild wirkte dermaßen falsch, dass Scarlett auf der Straße stehenblieb.
Das Gebäude der Monsterwacht war schräg in eine Kuhle heruntergesackt, während der Rest der Straße ebenerdig herumführte. Das dunkle, blaue Gestein erinnerte an das Mauerwerk einer Fabrik und unzählige Schornsteine schossen aus der Mitte hervor. Dampf verpestete den Himmel und der Gedanke daran, dass Eos sich im Bauch des Hauses verstecken würde, schnürte ihr die Kehle zu.
Sie hatte Erinnerungen an jene Leute verloren, die ihr einst die Welt bedeutet haben mussten. Und trotzdem Scarlett es nicht sollte, fühlte sie sich, als würde dieser Verlust sie zerfleischen.
Das Sonnenlicht tänzelte zwischen den engen Wolken. Immer wieder huschte es zwischen der Decke hervor, als wolle es ihnen ein Signal senden — doch die Formwandlerin verstand keine Morsezeichen. Zumindest jetzt nicht. Jetzt hatte ihr Gehirn sich nur auf den Moment begrenzt, als müsse sie ihr Überleben sichern.
»Sind Sie aufgeregt?«, fragte Caden.
Sie seufzte, um ihre Gedanken zu sortieren. »Durchaus. Ich habe meine Vergangenheit lange Zeit ausgeschlossen. Sie so nah vor mir zu haben ist befremdlich.«
»Ich habe auf Eos aufgepasst, als Sie verschwunden sind.« Er stakse zu der großen Tür, die offen stand. »Eos ist eine... interessante Person. Ich habe leider einiges mit ihr zu besprechen. Ich hoffe das stört Sie nicht?«
»Ich kann gern für einen Augenblick draußen warten, wenn Sie in Ruhe mit ihr reden wollen.« Das wäre Scarlett sogar lieber. Ihr Herz klopfte und sie wusste nicht warum, aber für einen Moment befürchtete sie, sich hinsetzen zu müssen.
Sie war ein Formwandler. Sie hatte noch nicht einmal einen einheitlichen Körper — wie sollte sie dann eine einheitliche Vergangenheit, geschweige denn eine eigene Identität, besitzen? Das alles war abstrakt. Sie hätte nicht auf Jade hören sollen.
»Ganz ehrlich, das halte ich für das Beste.« Caden durchschritt die schlichten Gänge. Sie nahmen drei Stufen, um zu einem engen Korridor zu gelangen, an dessen Seiten beschriftete Türen lagen. Er folgte den Anmerkungen auf den Wänden.
Caden war kein auffälliger Mann; durchschnittlich von der Größe, der Statur, die Stimme leise aber selbstsicher, dunkle Haare, helle Haut. Nur seine Augen waren, wie Jade sie beschrieben hatte: eher unheimlich, kalt blau.
Relativ am Ende des Gangs starrte er auf ein blechernes Schild an der Wand. Sein Körper bebte beim Seufzen und der Blick war etwas zu zerstreut, als er an Scarlett vorbeisah. Dann klopfte er — ohne überhaupt hinzusehen.
Eine Bewegung regte sich im Inneren. Einige leise Schritte, die Scarlett sich ebenso eingebildet haben könnte, dann ruckelte es an der Klinke.
Die Nachtschwärmerin schob den Kopf heraus. Ihre Mimik versteinerte sich. Die Lider flatterten auf, sie lehnte sich ruckartig zurück.
»Hallo, Eos«, grüße Caden. »Auf ein Gespräch.«
»Wieso...« Eos schaute zu Scarlett herüber. Ihr Mund stand auf, das Gesicht im Schreck zerrissen. Nicht positiv, sondern, als sei sie einem alten Feind begegnet.
Scarlett drückte den Rücken durch. »Ist alles in Ord-«
Der Mann schob seinen Fuß in den Spalt der Tür. Er lehnte sich zu Eos. »Ich will dich warnen. Ich will es klären. Ich bin froh, dass du lebst, Eos. Aber ich möchte mit dir sofort sprechen.«
»Es tut mir Leid«, sagte sie nur. Da waren Tränen — oder? Vielleicht war es auch nur Einbildung.
Scarlett stand wie ein uneingeladener Gast neben den beiden. Sie wagte sich nicht einmal, Fragen zu stellen.
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Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
