Kapitel 15;1 - Stimme der Monde

28 7 1
                                        

Eos fühlte den Tod in der Stadt. Immer wieder musste sie den Anblick der Cruoren ertragen — fühlte nichts als Verachtung, trotzdem sie in ihrem Dienst stand.

Die leeren Geschöpfe wandelten irgendwo zwischen Ausdruckslosigkeit und nahbarer Wärme.
Bislang hatte sie nur einmal mit einem Cruoren in Weyfris geredet... doch wann immer sie diese Monster sah, fühlte sich die Nachtschwärmerin schmerzhaft an ihre Vergangenheit erinnerte.

Sie war wie Kenga geworden: hasste die Cruoren, doch arbeitete in der Stadtwacht. Eine Lüge, eine Schande. Niemand blickte hinter ihre Fassade; das machte es umso schlimmer.

Die meisten Einwohner von Weyfris vertrauten auf eine emotionslose Regierung. Eos hingegen konnte es nicht. Sie konnte niemandem vertrauen — und nach ihrem Verrat an Harding nicht einmal sich selbst.

Aus ihr war eine Waffe geworden, deren freier Wille aus ihren Muskeln gezogen und mit Trägheit ersetzt worden war. Sie hatte während des Winters genug Schrecken mitangesehen, um damit hunderte Horrorgeschichten zu speisen.

In den Dienst hatte man sie nicht eingearbeitet. Stattdessen hatte man ihr kämpferisches Talent getestet, für gut befunden, und sie an die düsteren Bereiche geschickt — die sich nicht einmal der verdorbenste Verstand ausmalen könnte.

Ihre Aufgabe schien simpel: Monster abzuschlachten, die es aus Brus herausgeschafft hatten. Das Thema — und damit auch die Gefahr — wurde in Weyfris totgeschwiegen. Manche Bürger erfuhren erst dann von den Monstern, wenn Eos die Kreaturen in ihrem Hinterhof erlegte.

Die Cruoren waren gut darin, Probleme zu verheimlichen und herunterzuspielen.

Eos allerdings würde nicht schweigen. Ihre Arbeit glich nicht nur einen Kampf um Überleben und Moral, sondern auch gegen den eigenen Verstand. Meistens war sie allein, kämpfte gegen Geschöpfe, die niemand anderes sehen wollte — oder durfte. Phantome waren es, die sie jagte. Keine Spur durfte hinterlassen werden; so wenig Bürger wie möglich sollten es bemerken.

Jene, die sich der Existenz dieser Monster bewusst waren, stellten nicht die richtigen Fragen. Im Gegenteil; ihnen war es egal, dass sie einst Bürger der Stadt gewesen waren, deren Lebenslicht noch immer im Kern flammte.

Ihnen war egal, dass Eos Stadtbewohner abschlachtete, nur weil sie mit einer unbekannten Mutation in Berührung gekommen waren.

Und Eos konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass sie Unschuldige jagte.
Ohne Reue würde sie auch den letzten Teil von sich verlieren.

***

Eos zog sich in eine Gasse zurück, wo der Wind biss und die Menschen, die ihr entgegenkamen, zwielichtiger Gestalt waren.

Niemand beachtete sie lange. Nur in den feinen Vierteln fiel sie mittlerweile auf. Ihre Gesichtszüge waren zu herbe geworden, der Kiefer stets angespannt — sogar so, dass sie Schmerzen hatte.

Sie war zwar noch von keinem der Monster infiziert worden; dennoch war sie verändert, ohne Aussicht auf Medizin.

Sie überblickte die Markierung auf ihrer Karte, die sie am Morgen gesetzt hatte.

Dort waren zwei Kreaturen — Eos wollte sie nicht Infizierte nennen, das betonte nur ihre Menschlichkeit und erschwerte es, sie zu töten.

Sie war eine von etwa zwanzig Jägern, die in Weyfris herumliefen. Im Winter wurden sie darauf angesetzt, die Zahl der Infizierten einzudämmen, bevor mehr Bürger angegriffen wurden.

Doch der einzige Weg, die Monster loszuwerden, war, sie zu erlösen.
Die Ärzte der Stadt durften davon nichts erfahren. Wissenschaftler, Heiler und Kritiker würden sich stets dagegen aussprechen, unnötig zu töten.

Seele eines CruorsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt