Rhun hielt sich schräg aufrecht, während Hitze in seinem Herz flammte, die er noch nie zuvor gespürt hatte. Seine Beine spannten sich an — eine fremdartige Reserve stützte seinen Körper; Blut rauschte durch die Ohren und plötzlich verschwanden Schwindel, Kraftlosigkeit und Schmerzen.
In der Ferne klangen noch immer die Ausrufe, die dem Gebrüll von Monstern gleichkamen.
Die Sonne schaute auf sie herab — dem unermüdlichen Auge gleich, von dem die alten Sagen erzählten. Die Wolken hatten sich entfernt. Über Brus schwebte der violette Nebel, der die Stadt verschlang.
Nichts an diesem Bild wirkte real.
Plötzlich war Rhun wie losgelöst.
Caden wirbelte herum, nahm eins der Schwerter und positionierte sich vor Declan. »Laufen wir, oder kämpfen wir jetzt noch?«
Es näherten sich vier Personen — das sollte zu bewältigen sein, wenn es sich bei den Angreifern um Amateure handelte.
Doch etwas in Rhuns Innerem befahl ihm, zu laufen. Eine antike Stimme hallte in seinem Kopf wider. Die unklaren Silben verschwammen und übrig blieb nur ein Befehl: Lauf.
Rhun folgte, während er an Declans Arm zog. Es waren keine Worte nötig, damit er verstand.
Der ältere Cruor wehrte sich halbherzig. »Rhun. Ich überlebe das nicht. Hör mir zu. Ich-«
»Wir werden dich nicht erlösen, wenn du das hoffst.«
»Nein. Das- es ist mir egal.«
Rhun wirbelte herum, um die Gestalten zu betrachten, die sich näherten. So, wie sie in der Ferne liefen, war ihr Tempo beinahe erbärmlich.
Viel Zeit würde es ihnen dennoch nicht gewähren.
Bei der Wahl zwischen Kampf und Bewegung würde Rhun plötzlich die Bewegung wählen. Flucht klang stärker, als Waffenrausch.
»Ich trage ihn.«
In Declans Augen lag Hass — abgedämpft und ausgeblichen, aber seit Jahren stetig. »Rhun.«
Kenga drehte das Schwert in der Hand. »Die müssen wir trotzdem jetzt abschütteln.«
Kein Gedanke schwebte zwischen Rhuns Bewegungen, als er Declan aufhob. Es fühlte sich leer an; der Körper des Cruors war kaum ein Gewicht auf seinen Arm. »Du darfst nicht sterben. Sonst-«
Nun war es Declan, der ihn unterbrach: »Nur, weil ich sterbe, wirst du nicht sterben.«
Harding polterte einen Fluch und forderte, dass sie sich beeilen sollten, ehe sie weiterliefen.
Rhun konnte Schritt halten. Er musste sich unter einem Ast bücken, blieb beinahe mit seinen Hörnern darin hängen. Sie betraten eine kleine Ansammlung von einem halben Dutzend Häusern.
Etwas knarrte zu seiner rechten. Gerade als er den Kopf darin umwandte, raste eine Silhouette an ihm vorbei.
Kenga lag auf dem Boden, auf seiner Brust ein Angreifer.
»Cruoren.« Eine hohe Stimme kam von der anderen Seite. Gerade als Rhun herumwirbelte, spürte er eine warme Flüssigkeit an seinen Händen.
Declan blutete.
Das, was geschah, war zu schnell, für sein Auge.
Plötzlich wurden sie von sieben Personen umringt.
Rhun stieß einen Nachtschwärmer hinter sich an die Hauswand. Seine Arme waren träge, als eine zweite Person von oben heruntersprang.
Harding ließ sein Schwert fallen. Das Metall klirrte auf dem Boden. Vier Menschen hatten ihn eingeengt. »Leute, wir wollen euch nichts tun-«
Die Angreifer waren allesamt von Monsterbissen gezeichnet. Einer von ihnen war bis zur Hälfte mit schwarzen Flecken durchzogen.
DU LIEST GERADE
Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
