Kapitel 2;3 - Asche und Zorn

31 10 3
                                        

Rhun sprang im letzten Moment zur Seite, als Asche losstürmte.

Ihre Haare peitschten gegen seinen Hals; etwas rauschte neben seinen Hörnern entlang. Die Klinge reflektierte die Sonne — blendete ihn — und die Spitze löschte sein Augenlicht fast gänzlich aus.

Er duckte sich notdürftig, während der stechende Schmerz seiner Muskeln durch seinen ganzen Körper bebte.
Seine Gelenke knackten hohl.

Sie drehte sich zu ihm; zog mit solcher Wucht an seinem Arm, dass er nach vorne trat, um das Gleichgewicht zu halten.

Sofort stellte sie sich auf die Zehenspitzen — streckte sich so weit nach oben aus, dass sie ihn mustern konnte. »Ein Cruor«, hauchte sie. »Du hast den Tod eigentlich verdient.«

»Hm«, machte er nur, während er ihr Gesicht untersuchte. Sie hatte feine Züge. Diese Frau hatte etwas Faszinierendes an sich. Reine Haut, erste Falten und tiefe Narben. Schmale Nase, große Augen. Wären die Kampfspuren nicht so offensichtlich, hätte er behauptet, sie lege Wert auf ihr Äußeres. »Wollen Sie mich umbringen?«

»Wenn das ein Angebot ist?« Sie riss den Kopf zu Harding herum. »Ist er dein Freund?«

Rhun wandte sich nicht von ihr ab — das Risiko wollte er nicht eingehen — doch er hörte, wie Kleidung auf Rinde rieb. Die Stimme von Chase kam vom Boden. »Lass ihn. Er hat-«

Asche brabbelte etwas, das ihn zum schweigen brachte. Stattdessen fummelte die Frau an ihrem Gürtel herum, wo sich ein kleineres Messer verbarg. Das Schwert ließ sie fallen — als wolle sie ein Friedensangebot andeuten. Stattdessen packte sie den Griff des Messers.

»Wagen Sie es nicht«, sprach Rhun seinen ersten Gedanken aus. Noch ehe er etwas hinzufügen konnte, machte sie eine schneidige Bewegung nach unten.

Rhun wich zur anderen Seite aus; den Schmerz an seinem Arm realisierte er erst zu spät.

Die Frau — diese impulsive Bestie — zückte einen Dolch. Wie viele Waffen sie auch immer besaß, alle waren einsatzbereit. Und Rhun wusste: geschärften Waffen konnte man nicht einmal mit geschärften Sinnen entgehen.

Gerade als sie zu ihm wirbelte, rief Chase ihren Namen.

Asche versteinerte für einen Moment. Ihre Augenbrauen senkten sich; sie schien zu überlegen.

Rhun nutzte den Moment aus; streckte seine Hände, um unter ihre Armen zu greifen und die Frau auf den Boden zu werfen.

Es knackte wieder. Sein gesamter Rücken schien für einen Moment Feuer zu fangen.
Die Wärme breitete sich über seine Arme aus, pulsierte durch die Beine. Sein Verstand schrie danach, sich zurückzuziehen. Er wollte nicht kämpfen; niemanden verletzen... erst recht nicht töten.

Hardings rauchige Stimme drang durch: »Hey! Ich warne dich, Cruor. Fass sie an und du bist tot.«

Rhun faltete die Hände hinter dem Rücken. Er hatte noch nie wirklich gekämpft — Übungen waren das eine.
Einmal war er auf der Straße angegriffen worden, aber da hatte er seinen Gehstock gehabt. Mit den bloßen Händen gegen eine bewaffnete Wahnsinnige zu kämpfen, war etwas anderes.

Aus dem Augenwinkel begegnete er Chase.
Der Mensch hatte sich zusammengekauert. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und er hielt sich eine Wunde, die wieder zu bluten begonnen hatte. Anstalten, aufzustehen, machte er nicht.

Das war der Grund, warum Rhun Menschen hasste. Sie waren unvorhersehbar. Impulsiv. Lebensmüde. Sie ignorierten, dass Cruoren sich verteidigen konnten.

Dennoch wich er von Asche zurück.
Wenn sie ihn wieder angreifen wollte, würde Distanz von Vorteil sein.

Seele eines CruorsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt