Während Caden und Kenga die beiden Cruoren in das Krankenlager begleitet hatten, hatte die Ärztin notdürftige Vorbereitungen getroffen. Ein kleines Feuer brannte; Kräuter waren von den Leinen genommen worden und eine Pritsche wurde hinausgezogen, auf die sich die beiden setzen sollten.
Doch Rhun blieb stehen. Er hatte die Hände wieder an seinen Gehstock gelegt und starrte in die Leere. Plötzlich wirkte er nicht mehr, als habe er Beschwerden. »Ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, uns mit Medikamenten zu versorgen.«
»Ich möchte nicht mehr leiden«, gab Declan zurück. »Selbst, wenn es nur wenige Momente sind.«
»Ihre Beschwerden scheinen Sie gut zurückhalten zu können.« Die Ärztin hatte sich hinter ihn gestellt, um seinen Rücken einzusehen.
»Es ändert nichts an der Situation, wenn ich mich selbst bemitleiden würde.«
»Sie haben also Schmerzen?«
»Überall, ja.«
Ihre Mimik zeugte von Skepsis, doch sie nickte.
Die andere Ärztin tänzelte in der Ecke des Zelts herum und versuchte, eine zweite Pritsche herauszuziehen. Schließlich kam sie vor und deutete Rhun an, sich auf dieser niederzulassen.
Er schauderte, als er zu Caden sah.
Aus Rhun konnte man nicht lesen — man konnte nicht einmal erkennen, dass er zuvor ohnmächtig gewesen war. Sein Gesicht blieb steif, wie eine Maske.
Caden hob ratlos die Schultern. Er konnte den Cruoren nicht helfen — es war nicht sein Problem. Immerhin waren sie dafür verantwortlich gewesen, dass die Stadt zusammengebrochen ist. Indirekt waren sie dafür verantwortlich, dass Nya gestorben ist.
Rhun setzte sich in Bewegung. Nur widerwillig zog er sein rotes Hemd aus.
Caden hatte noch nie einen Cruoren ohne seine Uniform gewesen — zudem hatte er sich nie gefragt, wie das aussehen mochte.
Nun war der Anblick erstaunlich befremdlich. Die dünnen Gestalten hatten tatsächlich markante Knochen, die an Schultern und Ellenbogen hervortaten. Ihre Taille war erschreckend dünn; selbst ihr Brustkorb war schmaler, als der, eines Menschen.
Die Ärztin verzog das Gesicht, während sie seinen Körper absuchte. Sie schien sich umorientieren zu müssen. »Na. Ihr Rücken ist furchtbar zugerichtet, Veu Rhun.«
»Dessen bin ich mir bewusst; bitte sprechen Sie mich nicht darauf an.« Er schloss die Lider und ließ den Kopf hängen.
Cadens Blick raste zu Declan.
Die Cruoren sahen erbärmlich aus — und plötzlich so nahbar, dass die Vergangenheit sich anfühlte, wie eine Lüge.
»Würde uns endlich jemand aufklären, was genau Sie für eine Krankheit haben?«, fragte Kenga. Sobald der Humor aus seiner Stimme wich, wirkte er tatsächlich angsteinflößend. Er hatte sich an die Wand gelehnt und starrte in die Runde.
»Es ist keine Krankheit«, berichtigte Declan spitz. »Wir müssen zu unseresgleichen zurückkehren.«
»Das beantwortet seine Frage nicht«, murmelte Rhun. Als er sich aufsetzte, knackte sein Rückgrad. »Wir sind künstlich-geschaffene Wesen. Wir brauchen gewisse Chemikalien, damit wir leben können. Das sind keine Hausmittel; und erst recht keine Kräuter, die man in Wäldern sammeln kann. Die halten nicht nur unseren Körper zusammen, sondern auch unsere Gefühle zurück.«
Caden blinzelte mehrfach, ehe er realisierte. »Also sind Sie nicht... natürlich so?«
»Wir sind das, was Brus gebraucht hat«, zischte Declan. »Wir müssen zurück, in eine Stadt!«
»Das haben mittlerweile alle verstanden. Dir steht frei, zu gehen.« Rhun drückte die Hand der Ärztin von sich, als diese ihn mit Salbe einreiben wollte. Er sah zu den zwei Männern und fügte erklärend hinzu: »Der einzige Hauch von Individualismus, den wir haben, ist die Gemeinschaft aller Cruoren. Normalerweise sollten wir stets von anderen umgeben sein und feste Aufgaben haben. Sonst verlieren einige von uns ihren Verstand.«
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Seele eines Cruors
Fantasi»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
