Das schlanke Haus hob sich vor dem bewölkten Himmel ab; wenig verziert, aus dunklen Ziegeln errichtet, wie ein Fabrikgebäude. Durch die alten Fenster konnte man die wenigen Möbel erkennen; allesamt edel aus dunklem Holz, reich verziert, in den selben tristen Farben, wie alles andere um sie herum.
Rhun stand auf der steinernen Treppe, vor der Tür, deren Glas von Stahlelementen gehalten wurde.
Das Warten darauf, dass ihm jemand öffnete, entlud sich als Anspannung, Misstrauen, Unruhe — und Rhun war redlich verwundert darüber, wer auf der anderen Seite der Schwelle stand.
»Veu Turem?«, fragte er den kleinen Cruor.
»Vae Seel. Seine Assistentin.«
Sie mutete tatsächlich weiblich an — auch wenn Cruoren nicht wirklich ein Geschlecht hatten. Irgendwie suchten sie es sich dennoch aus. Die erste Generation war überwiegend männlich gewesen, mittlerweile hingegen gab es immer mehr weibliche Cruoren, die sich leicht unterschieden. Sie waren nicht kleiner, aber schlanker. Ihr Körperbau war anders — auch, wenn Rhun nicht darauf deuten konnte, woran es genau lag.
Er war froh, wenn er andere Cruoren nicht ansehen musste.
»Ich suche Ihren Herrn.«
Sie legte den weißen Kopf leicht schief, um die drei Männer zu betrachten, die hinter ihm standen. »Mein Herr ist bereits im Untersuchungsraum. Die Cruoren verarztet er persönlich.«
Er trat hinein — erschlagen von der Hitze eines Kaminfeuers, das sich in sein Gesicht drückte, wie ein nasses Tuch. »Sie sind bereits auf meine Anwesenheit vorbereitet, habe ich gehört?«
Seel hielt im hintersten Bereich des Flurs inne. »Ja. Es ist möglich, dass die Untersuchung mehrere Tage dauert. Wir haben für Ihre Mitreisenden ein Zimmer vorbereitet.«
Mehrere Tage. Er würde mehrere Tage untersucht werden. Von einem Cruoren — in einer Stadt, die Brus unangenehm ähnlich war... als sei er in einem Alptraum an seine Heimat eingesperrt.
Rhun wusste, dass er sich in der Anwesenheit anderer Cruoren geborgen fühlen sollte. Doch er tat es nicht; er fühlte sich umso verlassener.
»Ihre Begleiter können hier warten.« Seel wandte sich um und deutete auf ein protzig eingerichtetes Wohnzimmer — viel zu prunkvoll für die Verhältnisse ihrer Art.
Kenga, der unerzogene Adlige, der er war, schwenkte wie selbstverständlich dorthin ein und ließ sich auf das Sofa fallen. Caden folgte ihm nur langsam, während er sich umsah. Er nahm mit höflichen Abstand zu Kenga Platz, aber griff sofort zu dem Tablett Tee, das auf dem Tisch stand.
Chase schob seine Nase aus dem hochgeschlagenen Kragen heraus. Er offenbarte einen dunklen Bluterguss auf seiner Wange — und warf Rhun einen warnenden Blick zu.
Es sollten keine Fragen zu der unbekannten Wunde gestellt werden. Doch das war ihm egal. »Was ist denn da geschehen?«
»Halt die Schnauze, Cruor.«
Seel stand unbeeindruckt an der Tür. Sie schien nicht eingreifen zu wollen... Doch Rhun fühlte sich furchtbar bloßgestellt. »In Ordnung. Ich wollte lediglich fragen, aber wie es aussieht, hast du es verdient.«
Kenga drehte den Kopf zu ihnen; wenig alamiert, mehr erheitert — als empfinde er die Situation als unterhaltsam. Der Adel entnahm seit Jahrhunderten ihre Unterhaltung aus fremden Streitgesprächen, Tratsch und ungerechten Wetten.
Vielleicht sollte er Nachtschwärmer auf seine Liste, mit Dingen, die er hasste, hinzufügen.
Harding verschwand im Raum und zog den schweren Wintermantel aus. Er war dünner geworden — wagte Rhun zu behaupten. Das unbestreitbare kämpferische Talent war aus Chase entwichen, vielmehr wirkte er blutdurstig und leichtsinnig.
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Seele eines Cruors
Fantasy»Für die, die leben, ist der Tod nicht greifbar!« Der Untergang von Brus hat Existenzen zerstört. Flüchtlinge verteilen sich in den umliegenden Dörfern, kriminelle Gruppen bilden sich und die Hafenmetropole wird zum Brennpunkt des Schreckens. Chase...
