Kapitel 15;2 - Stimme der Monde

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Eos schaute auf die Papiere, auf denen ein großer Tintenfleck getrocknet war. Sie waren durch eine Schnur zusammengehalten — alte Briefe, scheinbar. Ein durchtränktes Tuch lag daneben. Offensichtlich hatte man versucht, die Flecken zu beseitigen. Die Briefe mussten Bedeutung haben.

Die Rest des Zimmers war überschaubar und, zu ihrem Leidwesen, fast ebenso kalt wie draußen.

Neben der Feuerstelle lag Holz, doch es war nicht angerührt worden, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen war. Der große Stamm mit der Spinnwebe — der ihr vor einigen Wochen bereits aufgefallen war — lag noch immer in der Mitte. Eine Schicht Staub schlummerte seither zwischen den Fugen der Rinde.

»Kein Verband der Welt kann heilen, was die mit mir angestellt haben.« Bronie — der jüngste unter ihnen — drückte die Hand seines älteren Bruders weg, der ihn verarzten wollte.

»Oh, sind wir plötzlich empfindlich geworden?«

»Ich habe heute die gruseligste Scheiße erlebt.«

Sein Bruder warf sich auf die Pritsche neben dem durchtränkten Brief. »Oh ja, Horrorgeschichten

»Bisschen zu real für eine Horrorgeschichte. Ich sage euch, ich gehe heute nicht mehr raus.«

»Wenn du es nicht erzählst, gehe ich wieder«, stichelte Eos. Eigentlich wollte sie längst schon in ihrem Bett liegen und die Pause genießen, doch sobald sie den Brüdern und ihrem Freund begegnet war, wurde sie überredet, sie zu begleiten.

»Ich habe heute einen infizierten Opa durch Zufall gefunden. Der war kaum noch als Opa zu identifizieren, er war unglaublich alt, konnte sich nicht mehr bewegen und war zur Hälfte schon infiziert gewesen. Also ich meine zerfressen. Da, wo seine graue faltige Haut nicht lag, war er schon zu dem weißen Monster geworden. Er war echt kein schöner Anblick.«

Sein Bruder lehnte sich an die Wand zurück. »Die Sache mit der Horrorgeschichte nimmst du jetzt ernst, 'ne? Du brauchst es nicht so detailliert zu beschreiben. Komm zum Punkt.«

»Kurzgefasst, er hat mich trotz Alterswahnsinn mitbekommen. Ich habe nicht mit ihm geredet, sondern schon nach der erstbesten Stelle gesucht, mein Messer reinzurammen. Da war nicht mehr viel menschliche Haut übrig, also hab ich eine Stelle an der Schulter gewählt. Das hat verstörend lange gedauert. Er hat währenddessen nichts gesagt. Nicht einmal vor Schmerz gestöhnt, oder sich bewegt. Er lag da nur rum. Zumindest, bis- Oh bei den Göttern, wartet, wartet. Jetzt wird's richtig gruselig.« Er hielt inne und schüttelte sich. »Ich finde das immer noch unheimlich.«

»Hah«, gab der andere Mann aus der Ecke zurück.

»Also folgendes. Folgendes. Irgendwann hat er dann einmal gegrummelt. Erst dachte ich mir nichts dabei, aber dann habe ich verdammte Worte rausgehört. Das war halt diese Stimme von einem alten gebrechlichen Mann.«

»Wie lange hast du auf den armen Kerl denn eingestochen?«, fragte Eos.

»Nicht allzu lang! Das kommt mir nur so vor. Was hätte ich denn auch tun sollen? Sein Kopf, Brust und Hals waren halt schon komplett zum Monster geworden.«

»Jajaja«, kam aus der Ecke.

Bronie setzte sich aufrecht hin. »So, und dann irgendwann hat er lauter gesprochen. Das war schon gruselig... wo hat er die Kraft dafür auch herbekommen? Und dieser alte, halb-verweste Mann hat permanent gesagt... Sie kommen, sie kommen. Und dann«, brüllte er. »Hat er sich aufeinmal umgedreht und mich angeguckt. Und er hat sowas gesagt wie lauf, sie werden dich fangen. Sie kommen.« Er sah verzweifelt zu Eos. »Ich wurde dann panisch und bin abgehauen.«

»Und du hast ihn da ausbluten lassen? Vorbildlich«, gab sein Bruder zurück.

»Hm, vielleicht weil ich andere Sorgen hatte?!«

Seele eines CruorsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt