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Um den schweren Duft der Räucherstäbchen nicht mehr einatmen zu müssen, hielt ich mir den Armel vor mein Gesicht.
Ich hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Schlicßlich blickte ich zum Kassentresen.
Es schien niemand da zu sein. „Hallo?"
Eine Tür fiel mit einem schweren Knarzen ins Schloss. Als ich mich zu dem Geräusch umdrehen wollte, spürte ich einen Schlag auf die Brust. Ich verlor den Boden unter meinen Füßen , dann fiel ich mit dem Rücken auf den Dielenfußboden.
Die Muskeln in meinem Körper schmerzten sehr, denn seitdem ich im Krankenhaus gewesen war, hatte ich mich noch nicht sehr viel bewegt. Aber mein bis dato unbekannter Instinkt sagte mir, dass ich mich bewegen musste. Schnell rollte ich mich zur Seite, als die Klinge einer Axt dorthin auf den Boden niedersank und das Holz zersplitterte, wo gerade noch mein Kopf gewesen war.
Mit einer Kraft, die mir bisher unbekannt war, krümmte ich meinen Rücken und stieß mich mit meinen Handflächen vom Boden ab. Ich landete auf meinen Füßen mit einer Bewegung, die ich nur aus Action-Filmen kannte. Erst dann sah ich meinen Kontrahenten.
Wenn man mich gefragt hätte, ich hätte ihn auf etwa 15 Jahre geschätzt. Aber aufgrund des Tattoos auf seinem Handrücken, der Piercings in seinen Ohren und in der Augenbraue musste er mindestens achtzehn sein. Sein langes fettiges Haar war bis auf einen schmalen Streifen in der Mitte des Kopfes abrasiert. Ungeachtet der Temperatur, die in dem Laden herrschte, trug er einen dicken Wintermantel.
Ich hob meine Hände, um ihm zu signalisieren, dass er vor mir keine Angst zu haben brauchte, aber er hob die Axt noch einmal, um zuzuschlagen. Dieses Mal traf er die Vitrine des
Verkaufstresens, die mit einem Knall zersprang. „Stirb, du dreckiger Vampir!"
Wie es jeder vernünftige Mensch getan hätte, rannte ich weg. Und obwohl der kleine Psychopath mit dem Kindergesicht recht flott zu Fuß war, schaffte ich es, an ihm vorbei zur Tür zu kommen, die gerade in diesem Moment aufging. Ich hatte keine Zeit, um mich mit meinen Armen vor dem Kommenden zu schützen. Die schwere Holzür knallte mir gegen den Schädel und warf mich aus dem Gleichgewicht. Wieder stürzte ich auf den Boden und bekam gerade noch mit, wie sich wieder die Axt dort befand, wo ich gerade gestanden hatte.
„Nate, Vorsicht ...
Mir kamen zwei Gedanken, als ich den Mann sah, der gerade in den Laden gekommen war. Der erste war verdammte Scheiße. Der Mann hielt die Axt, die auf ihn zukam, einige Zentimeter vor seinem breiten Oberkörper auf, indem er die Klinge zwischen seinen Handflächen fing wie eine Fliege. Er hatte die Waffe abgewehrt, noch bevor der gewalttätige Junge ihn warnen konnte. Verdammte Scheiße war auch mein zweiter Gedanke.
Der Typ war purer Sex. Breite Schultern, ein flacher Bauch, dunkle, wellige Haare. Plötzlich wurde mir bei seinem Anblick klar, warum die Krankenschwestern so auf die Kalender mit halb nackten Feuerwehrmännern standen, die im Aufenthaltsraum hingen.
„Es tut mir schrecklich leid", wandte er sich zu mir um.
Ich nahm die Hand, die er mir anbot. Mich durchzuckte es wie ein elektrischer Schlag, als er mich berührte. Ich stand auf. Fast hätte ich gesagt: „Schon okay", bevor mir klar
wurde, dass absolut nichts okay war. Ich zitterte, als ich zur Türklinke griff. Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht, Jan?« fuhr er den jungen Mann an, bevor er sich wieder zu mir umdrehte. „Sind Sie verletzt? Brauchen Sie etwas? Einen Krankenwagen?"
Er legte seine Hand auf meine Schulter, aber ich schüttelte sie ärgerlich ab. „Verlassen alle Kunden Ihr Geschäft in einem
Krankenwagen?"
Jan zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf mich:
„Sie ist ein verdammter Vampir, Mann! Lass sie nicht weg!« Mit einer Aggressivität, die mich erschreckte, schrie der Mann den Jungen an. „Hol ihr ein nasses Tuch für ihren Kopf!«
Jan grummelte irgendetwas, um sein Missfallen auszudrücken. „Soll ich ihr vielleicht auch eine Tasse von meinem schönen warmen Blut besorgen? Mit ein paar Marshmallows zum Umrühren?"
„Geh schon hoch, los!«
Der Bursche ging Flüche murmelnd an uns vorbei und verließ den Laden, indem er die Tür laut zuknallte, sodass das Glas in der Tür zitterte.
„Ich glaube nicht, dass er mit einer Kompresse zurückkommt", stellte ich trocken fest.
„Nein, das glaube ich auch nicht." Der Mann lachte leise und hielt mir die Hand hin. „Ich bin Nathan Grant.
„Mandy Ames."
Verschwinde schon, du blödes Stück, sagte mir eine innere Stimme. Er hat noch die verdammte Axt in der Hand! Aber meine Füße rührten sich nicht von der Stelle. Die morbide Neugierde, die mich auch hierher geführt hatte, hatte mich völlig unter Kontrolle. Außerdem zwang mich eine skrupellose Anziehungskraft, wie ich sie bislang nicht kannte, so nah wie nur möglich bei diesem Mann zu bleiben.

Meine erste Verwandlung Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt