Kapitel 34

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Ich biege auf den Parkplatz der Bar ein und sehe dort Chuck, Cameron, Liam und in der Mitte von ihnen James stehen.
Ohne weiter darüber nachzudenken, halte ich an und springe aus dem Auto und renne auf die Jungs zu. "Was ist passiert?", frage ich und schaue James an, dessen Augen komplett blutunterlaufen sind.
Ich umfasse sein Gesicht mit beiden Händen und zwinge ihn, mich anzusehen. Er wehrt sich dagegen und schlägt meine Hände weg. "Verpiss dich", schnauzet er mich an und ich torkle ein bisschen nach hinten.
Ich blicke in die Runde und alle zucken mit den Schultern bis auf Liam, denn der schaut nur auf den Boden und sieht mich nicht an. "Kümmert euch mal bitte um James, nicht, dass ihm in seinem Zustand noch etwas passiert", wendet sich Liam jetzt an Chuck und Cameron. Die beiden nicken und helfen James zum Auto.

Liam kommt auf mich zu und deutet mir an, eine Runde mit ihm zu gehen. Verwirrt folge ich ihm. "Was ist mit James los? So kenne ich ihn gar nicht", flüstere ich beinahe.
Liam kickt einen Stein vor seinem Fuß weg. "Du hast also keine Ahnung, warum er das getan hat? Also sich komplett abgeschossen hat?", fragt er und blickt mich von der Seite an.
Ich schaue ihn nicht an und schüttle nur mit dem Kopf. "Nein, deswegen frage ich ja."
"Was hast du heute morgen in der Schule gemacht?", fragt er mich jetzt und ich blicke zu ihm auf. "Das ist vielleicht ein schlechter Zeitpunkt für Smalltalk, findest du nicht auch?", lache ich. Doch Liam bleibt ernst. "Ich bin in den Unterricht gegangen", sage ich schließlich.
"Er hat dich gesehen", sagt er trocken.
James hat mich gesehen, als ich in den Unterricht gegangen bin? "Ja und?"
"Ja und?" Jetzt hält mich Liam am Arm fest und schaut mir tief in die Augen, bevor er den Kopf schüttelt. "Verdammt, Florence. Du hast dich von deinem Lehrer in seinem Büro vögeln lassen", fährt er mich an.
Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Er hat uns nicht gesehen. Ungläubig schüttle ich den Kopf. "Was?" Jetzt kommen mir die Tränen und ich setze mich auf den Bordstein.
Liam stellt sich mit verschränkten Armen vor mich hin und sagt nichts.
Er starrt mich einfach nur an und dann lacht er. "Er hat euch gesehen, als ihr es miteinander getrieben habt."
Meine Kehle wird trocken und mittlerweile weine ich bitterlich. Liam macht nicht wirklich den Anschein, als würde er mich trösten wollen.
"Ich wollte das nicht. Das war ein riesengroßer Fehler. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist", schluchze ich.
Jetzt setzt sich Liam neben mich und legt einen Arm um mich. "Man, Florence. Wieso hast du das getan? James hat dich wirklich gerne und du betrügst ihn mit deinem Mathelehrer", setzt er an und meine Tränen scheinen, kein Ende zu nehmen.

"Habe ich ihn jetzt verloren?", frage ich durch meine Tränen hindurch.
Liam drückt meine Schulter. "Ich weiß es nicht, wenn ich ehrlich bin. Du hast ihn echt verletzt und du kannst froh sein, wenn er dich nicht in der Schule outet", knirscht er mit seinen Zähnen.
Ich schlage mir auf die Stirn. Ich bin so dumm. Ich habe mit dieser Aktion meinen Ruf und eigentlich mein ganzes Leben in Gefahr gebracht und zusätzlich das von Josh. "Sollte ich mit ihm reden?"
"Das solltest du auf jeden Fall tun. Vielleicht nicht gerade heute, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass das 'Verpiss dich' von vorhin noch das Harmloseste sein wird, was du heute von ihm zu hören bekommst", gibt er zu und lässt meinen Arm los.
Ich schaffe es nicht, ihn anzublicken. "Aber ich muss mit ihm reden. So kann ich nicht schlafen gehen. Das funktioniert nicht", bringe ich gerade so heraus.
Liam reicht mir die Hand. "Komm, wir gehen wieder zu den Anderen. Vielleicht solltest du mal unter deine Augen wischen, denn du siehst aus wie ein Waschbär", lacht er. Doch mir ist gerade nicht zu Lachten zumute.

Ich greife seine Hand und er zieht mich nach oben.
Schnell wische ich mir unter meine Augen, dass ich wenigstens halbwegs okay aussehe. Schweigend gehen wir zum Auto zurück und Chuck und Cameron schauen uns verwirrt an. "Also Flo, ich habe keine Ahnung, was du gemacht hast, aber James scheint ziemlich sauer auf dich zu sein", sagt Cameron und blickt mich zu meiner Überraschung mitleidig an. So viele Emotionen habe ich noch nie von ihm gesehen.
"Lass sie in Ruhe, Mann", schaut Liam ihn an und er nickt. Er bringt nicht mal einen fiesen Kommentar, sondern geht nur ums Auto herum und setzt sich hinter das Steuer.
Chuck steigt ebenfalls ein und auch Liam öffnet die Tür zur Rückbank, auf der James sitzt.
Als er mich sieht, schüttelt er nur mit dem Kopf. Liam kommt nochmal zu mir. "Ich schätze mal, dass er morgen nicht in die Schule geht. Ich schreib dir, wenn du vorbeikommen kannst", flüstert er mir zu und steigt dann ein.
Ich schaue dem Auto nach, als sie auf die Hauptstraße einbiegen. Was hab ich nur getan? Ich falle auf die Knie und weine.

Schweigsames VerlangenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt