Kapitel 40

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Zwei Stunden bevor ich aufstehen muss, verschwindet Josh. Es muss ja schließlich auch nicht sein, dass meine Eltern jetzt davon erfahren. Früher oder später werde ich es ihnen eh noch erzählen müssen.

Ich bin echt froh, dass mittlerweile Freitag ist und meine Nachmittagsstunden ausfallen. Das heißt, ich kann der peinlichen Situation in der Mensa entkommen.
Josh wird heute seine Kündigung einreichen und danach können wir endlich ohne schlechtes Gewissen zusammen sein. Ich weiß nicht, ob ich egoistisch bin, aber aus irgendeinem Grund freue ich mich etwas über diese beschissene Kündigung, denn ich habe noch nie jemanden so sehr gewollt wie Josh.
Kurz vor dem Deutschunterricht stehe ich alleine vor dem Raum, da er noch abgeschlossen ist. James kommt auf mich zugelaufen und es sieht tatsächlich so aus, als würde er direkt auf mich zukommen. Vielleicht will er reden?
"Hey", stoppt er direkt vor mir. Ich trete nervös vom einen auf das andere Bein. "Hey, James."
"Wir müssen reden. Vielleicht gehen wir kurz ein Stück weiter weg? Das ist vielleicht nicht für alle Ohren was", nickt er in Richtung des anderen Endes des Flurs.
Ich nicke nur und folge ihm schweigend. Abrupt dreht er sich zu mir um und wir sind uns auf einmal gefährlich nahe.
Als es ihm auffällt, weicht er ein Stück nach hinten und ich schlucke nur trocken. "Es gibt möglicherweise ein Problem."
Sofort kriege ich Panik. "Möglicherweise?" Meine Stimme zittert und ich muss mich kurz an der Wand abstützen.
"Nur Liam wusste von der kompletten Wahrheit, also was Lancaster angeht", sagt er und schaut auf den Boden.
Langsam nicke ich. Er fährt fort. "Naja, ich war so sauer auf dich, dass ich es gestern Tyler erzählt habe", reibt er sich den Nacken. Es sieht fast so aus, als würde er lachen wollen. Ich hau ihm gleich eine rein. Wie kann er jetzt bitte lachen?
"Tyler? Bist du nicht mehr ganz dicht? Oh mein Gott. Was ist nur los mit dir?", schreie ich ihn an. Ich lasse mich an der Wand nach unten gleiten. James zuckt nur mit den Schultern. "Es ist halt jetzt nun mal passiert und ich wollte nur, dass du Bescheid weißt, weil ich keine Ahnung habe, was er mit der Information anstellen wird."
Wieder hat er dieses scheiß schelmische Grinsen im Gesicht und da sehe ich schwarz. Ich springe auf und haue ihm mit der Faust auf die Nase, sodass sie das bluten anfängt.
"What the.. was ist dein Problem? Alter, du hast mir wahrscheinlich die Nase gebrochen", hält sich James seine blutende Nase.
"Du hast mich provoziert mit deinem bescheuerten Grinsen", zucke ich nur mit den Schultern und lasse ihn einfach stehen, bevor ich zum Deutschunterricht gehe.

In der ersten Pause fängt mich die Direktorin am Flur ab und nimmt mich mit in ihr Büro. Ich habe mir schon gedacht, dass das mit James Folgen haben wird.
Also entspanne ich mich etwas, als Mrs. Johnson die Tür zu ihrem Büro öffnet. Doch zu meiner Überraschung finde ich dort Tyler und Josh vor, die bereits vor dem Schreibtisch sitzen. Deja vu.
Ich bleibe wie erstarrt stehen und Mrs. Johnson unterbricht mein Starren, indem sie mich auffordert, mich ebenfalls hinzusetzen.
Ich setze mich beschämt in die Mitte der beiden und kriege plötzlich Panik. Das hat er nicht getan.

"Josh und Ms Almond", spricht sie uns beide direkt an. "Erst die vermeintliche Nachhilfe und jetzt bekomme ich zu Ohren, dass Sie beide in Mr. Lancasters Büro Sachen getan haben, die sich weiß Gott nicht für Schüler und Lehrer gehören." Ich bringe es nicht über mich, sie anzuschauen. "Sie können versuchen, sich aus der Sache rauszureden, aber ich habe hier einen Zeugen sitzen", zeigt sie auf Tyler, der arrogant drein schaut. "Dieser junge Mann hat Sie dabei erwischt und ich sehe mich gezwungen, Sie beide der Schule zu verweisen." Mir bleibt das Herz stehen und ich bin mir sicher, dass ich kurzzeitig aufgehört habe, zu atmen.

Bevor Mrs. Johnson sich wieder an uns wendet, entlässt sie Tyler aus ihrem Büro und tritt wieder auf ihren Schreibtisch zu. "Ich bin maßlos enttäuscht. Dadurch dass Sie", jetzt schaut sie Josh an, "so einen guten Job gemacht haben und ich Sie lieb gewonnen habe, verzichte ich auf eine Anzeige oder Ähnliches, aber Sie verlassen sofort meine Schule und wenn ich so etwas noch einmal mitbekommen sollte, dann sind Sie endgültig ihre Zulassung als Lehrer los." Sie wirkt bedrohlich und Josh nickt nur, bevor er aufsteht und geht. "Vielen Dank, auch wenn ich es nicht verdient habe, dass Sie nach wie vor hinter mir stehen", sagt er und dann schaut er zu mir und direkt in meine Augen. "Das war ein riesengroßer Fehler." Autsch. Das hat absolut gesessen.

Er zieht eine Augenbraue nach oben und nickt mir zu. Ich verstehe, was er vorhat.
Schließlich sage ich auch endlich mal etwas dazu. "Ich stimme Mr. Lancaster zu. Das war ein großer Fehler, aber bitte schmeißen Sie mich nicht von der Schule", flehe ich. Ich wüsste nicht, wie ich das meinen Eltern erklären sollte, dass ich einen Schulverweis bekommen habe, weil ich eine Affäre mit meinem Lehrer hatte oder habe.
Mrs. Johnson schickt Josh nach draußen. Jetzt sind wir nur noch zu zweit in ihrem Büro und in mir steigt schon wieder eine unbehagliche Panik auf.
Ich sitze einfach nur stumm auf meinem Stuhl und warte darauf, was sie als Nächstes sagen wird.
"Ms Almond, das, was sie getan haben, ist kein Kavaliersdelikt. Sie hatten eine Affäre mit einem unserer Lehrer und sind noch nicht einmal lange auf dieser Schule", schüttelt sie mit dem Kopf. Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen. "Ich weiß und das bereue ich sehr."
"Sie machen sich erstaunlich gut in all unseren Fächern, deshalb.." Ich halte den Atem an und warte ab. "Deshalb reden wir über Konsequenzen", fügt sie hinzu und ich atme etwas erleichtert auf.
Ich weiß genau, warum sie das sagt. Mein Vater ist seit meinem Beginn an dieser Schule ein wichtiger Sponsor. Das allzu bekannte Vitamin B würde ich mal sagen.

Schweigsames VerlangenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt