Kapitel 51

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Ich werde endlich aus dem Krankenhaus entlassen und Olivia holt mich, natürlich mit Jack im Schlepptau, ab. Ich steige schnell auf die Rückbank und schmeiße meine Tasche neben mich. Die beiden begrüßen mich schnell und fahren dann los.
Die Fahrt über verläuft im Schweigen und ich halte das nicht mehr aus. "Was ist los, Leute?", frage ich und lehne mich über die Mittelkonsole nach vorne zwischen die beiden.
"Alles gut. Was sollte los sein?", lacht Olivia. Doch ich merke, dass etwas nicht stimmt. "Hallo, deine beste Freundin ist aus dem Krankenhaus draußen nach keine Ahnung wie langer Zeit und das ist eure Begrüßung?"
"Wir freuen uns echt, dass du endlich wieder draußen bist. Das Essen in der Cafeteria war echt der Horror", sagt Jack und lächelt mich an. Ich boxe ihm gegen die Schulter. "Na vielen Dank auch." Jetzt lachen wir alle.
"Habt ihr was von ihm gehört?", flüstere ich beinahe und weiß nicht, ob ich die Antwort verkraften kann. Jack und Olivia schütteln synchron den Kopf. "Nein. Ich habe seit einer Woche nichts mehr von ihm gehört", gibt Jack schweren Herzens zu und mir kommen die Tränen. Ich blinzle sie schnell weg. Doch ich weiß, dass Olivia mich durch den Rückspiegel beobachtet hat.

Zuhause weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob ich da überhaupt reingehen soll. Ich will meine Eltern nicht sehen. Ich habe sie die letzte Woche immer wieder weggeschickt, als sie mich besuchen wollten. Ich bin nach wie vor wahnsinnig sauer auf sie und ich weiß nicht, wie wir unsere Bindung wieder kitten können.
Langsam stecke ich den Schlüssel ins Schlüsselloch und trete zur Türe hinein. Es ist niemand zuhause und ich stapfe direkt in mein Zimmer nach oben und knalle die Türe mit einem lauten Knall zu.
Als ich mich umsehe, sehe ich ein zusammengefaltetes T-shirt auf meinem Bett liegen. Es ist Joshs. Mir kommen wieder die Tränen und ich rutsche mit dem Rücken an der Wand nach unten. In dieser Position verweile ich etwa eine halbe Stunde, bevor ich höre, wie meine Eltern zur Haustüre hereinkommen. Bitte kommt nicht hoch.
Ich lege mich ins Bett und schließe die Augen. Sie werden mich in Ruhe lassen, wenn sie denken, dass ich schlafe. Meine Mutter öffnet die Türe einen Spalt und sieht mich schlafen. Sie geht direkt wieder aus dem Zimmer und meine Rechnung ist aufgegangen. Sie lassen mich in Ruhe.
Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren. Doch meine Gedanken sind nur bei ihm. Ich kriege ihn nicht aus meinem Kopf. Ich bin ein paar Mal kurz davor, seine Nummer auf dem Handy zu wählen, aber entscheide mich jedes Mal erneut dagegen. Er ist weg und ich er will dich nicht in seinem Leben haben, flüstert mir mein Gewissen zu und ich weiß, dass es recht hat. Ich hätte mich niemals auf ihn einlassen sollen, denn genau das habe ich jetzt davon.

Es sind mittlerweile drei Tage vergangen und ich habe mein Zimmer kaum verlassen. Ich habe sämtliche Anrufe, die eingegangen sind, ignoriert und meine Eltern habe ich jedes Mal wieder weggeschickt. Gegessen habe ich kaum und meine Haare sind seit drei Tagen in einem mittlerweile fettigen Dutt eingewickelt.
Es klingelt an der Türe, als ich in meinem Bett liege und an die Decke starre. Ich höre Fußstapfen vor meinem Zimmer und ziehe mir die Decke über den Kopf. Jetzt wollen mich meine Eltern bestimmt wieder dazu zwingen, etwas zu essen. Doch zu meiner Überraschung steht Olivia in meinem Zimmer und sieht mich bemitleidend an. "Hey, Flo", kommt sie zu mir herüber gelaufen und setzt sich neben mich auf das Bett. "Hey", flüstere ich.
"Alles klar bei dir? Du hast dich die letzten Tage gar nicht gemeldet. Ich dachte echt, dass etwas passiert ist", sagt sie besorgt. Ich winke ab. "Nein", sage ich trocken. "Außer dass mein Leben einfach nur noch Horror ist."
"Es ist wegen Josh. Hab ich recht?" Ich nicke und verstecke mein Gesicht unter der Bettdecke. Olivia zieht mir die Decke vom Gesicht und nimmt mich in den Arm. "Das tut mir so leid für dich, aber es ist alles so kompliziert. Josh ist..", setzt sie an. Ich unterbreche sie sofort. "Olivia, ich hab dich echt lieb, aber ich will nichts von ihm hören oder sehen oder sonst irgendwas. Ich will ihn einfach nur vergessen", bringe ich schluchzend hervor. "Okay. Dann gehen wir heute Abend mit Jack aus", sagt sie und springt auf. "Keine Widerrede. Ich hol dich um 19 Uhr ab." Bevor ich protestieren kann, ist sie auch schon wieder verschwunden.
Na super. Genau das brauche ich auf jeden Fall.

Als ich mich fertig mache, merke ich, dass es vielleicht doch gar keine so schlechte Idee ist, heute mal wieder unter Menschen zu gehen. Nachdem ich drei Tage wie ein Neandertaler gelebt habe, fühlt es sich echt gut an, mal wieder frisch gewaschene Haare und etwas Make-up drauf zu haben.
Ich gehe pünktlich um 19 Uhr vor die Haustüre und warte dort auf Olivia, die kurz darauf auf unser Grundstück einbiegt. Also los.

Schweigsames VerlangenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt