Den ersten Teil des Schultages über musste ich nur an den Satz von Mr. Lancaster denken. Das wird nie wieder vorkommen. Da können Sie sich sicher sein. Jedenfalls nicht unter meiner Aufsicht. Wie meinte er das wohl?
Den restlichen Schultag über sehe und höre ich nichts mehr von ihm.
In der Mensa quatsche ich mit den Mädels außer Cleo, denn sie ist ja heute nicht einmal in der Schule. Aber sie hat mir schon eine WhatsApp geschrieben, dass sie heute blau macht wegen ihrer Deutschstunde.
Kurz nach vier Uhr kann ich endlich das Schulgebäude verlassen. Ich laufe zu meinem Auto auf dem Parkplatz und sehe Mr. Lancaster, der ein paar Autos weiter weg steht und telefoniert. Er sieht nicht gerade glücklich aus, seinem Gesicht nach zu urteilen.
Als er auflegt, fährt er sich durch die Haare und haut auf seine Motorhaube. Er fährt einen schwarzen Mercedes. Das müsste eine E-Klasse sein.
Bevor er zur Autotür läuft, trifft sein Blick, wie sollte es auch anders sein, natürlich meinen. Ich beschließe, ihm noch einmal zu danken und laufe auf direktem Weg zu ihm hinüber. "Mr. Lancaster", rufe ich und renne die letzten Meter zu seinem Auto.
Ich sehe das Auto nicht, das direkt auf mich zufährt, und in der nächsten Sekunde hält mich Mr. Lancaster in seinen Armen. "Wo sind Sie nur mit ihrem Kopf, bambola?", flüstert er mir zu und ich bekomme sofort eine Gänsehaut. Ich bin zu perplex, um zu antworten. Ich schüttle nur den Kopf und blicke in die andere Richtung. Wieso erwischt er mich immer in den peinlichsten Situationen? Das ist nicht fair. "Okay gut. Jetzt kann ich Ihnen für zwei Sachen danken", sage ich verlegen und stelle mich einen Schritt weiter weg, nachdem er mich endlich losgelassen hat.
Peinlich berührt blicke ich zu Boden und weiß nicht, was ich tun oder sagen soll. "Schon gut. Versuchen Sie einfach, nicht zu sterben. Das wäre schon mal ein Anfang. Ich kann Sie leider nicht immer beschützen vor Autos oder bösen Jungs." Er lacht und steigt ein. "Ich pass lieber etwas auf mich auf, sonst können Sie mich wahrscheinlich demnächst im Krankenhaus besuchen bei meiner tollpatschigen Art." Ich lächle und er erwidert es. "Wir sehen uns morgen", sagt er, ohne den Blick abzuwenden. Morgen? "Wieso denn morgen?", frage ich verwirrt.
"Morgen ist die Party, die unsere Schule jedes Jahr am letzten Samstag im März gibt."
"Klar. Muss ich vergessen haben in dem ganzen Trubel der letzten Tage. Ich schätze, dann sehen wir uns morgen." Ich winke ihm zum Abschied zu und laufe in Richtung meines Autos.
"Versuchen Sie bitte, morgen noch zu leben", höre ich ihn, mir hinterherrufen. Ich halte nur einen Daumen nach oben, ohne mich noch einmal herumzudrehen.
"Wie nennt er dich?" Cleo ist schon wieder so neugierig. "Bambola. Hab ich ehrlich gesagt, noch nie gehört." Ich sitze schulterzuckend auf meinem Bett und habe den Telefonhörer zwischen meinem Kinn und meiner Schulter geklemmt.
"Er nennt dich Puppe? Waaaas?", schreit Cleo ins Ohr. "Wie kommst du denn darauf?", frage ich verwirrt.
"Naja, meine halbe Familie ist aus Italien und das ist italienisch für Puppe. Ich fasse es nicht. Aber das heißt im Umkehrschluss, dass unser heißer Mathelehrer auch noch ein Italiener ist." Cleo kommt nicht aus dem Staunen heraus. Aber ich will gar nicht so tun, als würde ich mir nicht selbst gerade die Hand vor dem Mund halten, um nicht laut aufzuschreien.
"Ich muss jetzt auf jeden Fall mal los. Wir sehen uns morgen auf der Party. Vielleicht sehen wir ja auch deinen Mr. Lancaster." Ich kann ihr Schmunzeln förmlich hören. "Jaja, wir sehen uns morgen. Und das ist nicht mein Mr. Lancaster." Als wir aufgelegt haben, muss ich kurz meine Gedanken sortieren.
Puppe? Er nennt mich Puppe? Aber Moment, hat er nicht eine Frau? Die Erkenntnis trifft mich hart und mit einem Mal bin ich verdammt wütend. Wieso ziehen mich immer die größten Arschlöcher an? Ich meine, er hat offensichtlich eine Frau und nennt aber andere Frauen Puppe? Und dann auch noch seine Schülerin? Also nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn mich so ein attraktiver Mann Puppe nennt, aber die Umstände sind nicht gerade schön.
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Schweigsames Verlangen
RomansaFlorence genießt in ihrem Leben und auch an ihrer neuen Schule eine Menge Aufmerksamkeit vor allem von Seiten der Jungs. Sie war noch nie wirklich interessiert an irgendwelchen Bekanntschaften. Doch dann trifft sie diesen einen Typen, der sie zum Sc...
