Kapitel 48

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Hajime Iwaizumi
Mitzunex3

Shirabu, der auf dem Pferd saß und Semi, der es führte, erreichten die untere Treppenstufe, während ich mit gezücktem Dolch oben stand und brummend auf sie hinabsah. Ich warf einen schnellen Blick in die Umgebung, um sicherzugehen, dass sie wirklich alleine waren. Und es schien, als wären sie das auch. Aber! Eine falsche Bewegung und sie würden es bereuen.
"Was wollt ihr und wie habt ihr uns gefunden?", wollte ich wissen und versuchte ruhig zu bleiben. Ich hatte Angst und war zugleich wütend.
Semi hob beschwichtigend seine Hände: "Wir sind nicht hier, um euch anzugreifen oder nach Shiratorizawa zu bringen. Ich möchte-" Plötzlich wurde der Aschblonde durch Toorus Erscheinen unterbrochen. Ich steckte den Dolch weg und meine Augen folgten aufmerksam meinem Partner. Er zitterte stark und atmete hastig, was mir große Sorge bereitete, doch erkannte ich den Grund dafür ziemlich schnell.
"V-Verschwindet!", stotterte er und richtete mein Schwert auf die beiden Ritter. Damals auf dem Trainingsplatz bekam er aus mir unerklärlichen Gründen eine Panikattacke, als er das Schwert alleine hielt.
Plötzlich geschah es: Das Schwert fiel mit einem klappernden Geräusch auf den Boden und Tooru brach zusammen. Blitzschnell stand ich neben ihm und dankte meinen Reflexen für ihre Schnelligkeit, dass ich den Brünetten auffangen konnte, bevor er auf den Boden fiel.
"Tooru!", besorgt und völlig panisch ließ ich mich mit ihm zu Boden sinken. Meine Hand strich über seine Wange und ich bemerkte nur am Rande, dass Semi bis zur Hälfte der Treppe gekommen war und helfen wollte. Doch ich hob meine Hand, um zu signalisieren, dass ich seine Hilfe nicht brauchte.

Ich brachte Tooru sofort in die Hütte. Meine Mutter kam uns entgegen und als sie den bewusstlosen König in meinen Armen sah, änderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie war genauso besorgt wie ich, aber ruhiger als ich.
"Bring ihn ins Wohnzimmer, ich hole Wasser und-", sie unterbrach sich und schaute zu den Neuankömmlingen, die noch draußen vor der Tür standen. "Und was ist mit ihnen?", fragte sie mich skeptisch.
"Sie können rein", sagte ich kurz und knapp, bevor ich ins Wohnzimmer verschwand. Ich legte Kawa auf das Sofa und setzte mich vor ihn hin. Ich strich ihm über die wieder kürzeren Haare und sprach ruhig auf ihn ein: "Schatz, komm zu dir." Dabei bemerkte ich ein leichtes Zucken seiner Augenlider, die schließlich flatternd aufgingen. Zum Glück!
"I...wa?", erschöpft schaute er mir in die Augen, was mein Herz schmerzhaft zusammenziehen ließ. Er war wegen mir übermüdet, was mir ein schlechtes Gewissen bereitete und mich plagte. Ich hatte ihn furchtbar behandelt. Ja, ich war sauer wegen der Ohrfeige und es war nicht richtig von Tooru, aber ich hatte ihm gesagt, dass ich die Beziehung bereute, was überhaupt nicht stimmte. Ich war glücklich, ihn zu haben. Glücklich, dass er ein Kind von mir erwartete, und niemals würde ich diese Entscheidung bereuen.
"Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt", lachte ich erleichtert auf. Warum machte er auch solch unüberlegte Dinge? Er wusste doch genau, dass er kein Schwert in der Hand halten konnte.

Ich streichelte ihn sanft über die Wange und entschuldigte mich für mein Verhalten in den letzten Tagen. Es war egoistisch und kindisch und was hatte ich davon? Einen völlig erschöpften und übermüdeten Tooru, der es überhaupt nicht gebrauchen konnte. Was für ein Idiot war ich nur?
Seine Hand an meiner Wange riss mich aus meinen düsteren Gedanken und strich sanft mit dem Daumen darüber. Er lächelte und sah mich voller Verständnis an, obwohl ich es nicht verdiente, so wie ich ihn behandelt hatte.
"Schlaf ein wenig, Kawa. Ich bleibe auch hier, versprochen", sagte ich, woraufhin er zufrieden seine Augen schloss. Er kuschelte sich enger an mich und ich nahm eine Decke von der Lehne, um ihn zuzudecken.

Die beiden Ritter setzten sich gegenüber von uns auf das Sofa und blieben vorerst still. Doch ich konnte die Stille nicht länger ertragen und wollte immer noch wissen, wie sie uns gefunden hatten. Nach meiner erneuten Frage begann Semi direkt zu sprechen: "Ich wusste, dass du von außerhalb Shiratorizawas kommst, also habe ich mich in den Dörfern umgehört und mir fiel plötzlich ein, dass mir dein Name so vertraut vorkam, also habe ich weiter gefragt." Der Name Iwaizumi war ihm bekannt? Woher? Da er weiter sprach, wollte ich ihn nicht unterbrechen und hörte aufmerksam zu, während ich einen Schluck Wasser trank, das meine Mutter für uns auf den kleinen Tisch vor uns gestellt hatte. Vielleicht bekam ich meine ungestellte Frage noch beantwortet.

"Mir bekannte Dorfbewohner verrieten uns wo ihr lebt und auf der Farm begegnete ich deinem Vater - Kenjiros und mein damaliger Ausbilder."
Ich verschluckte mich heftig und hustete, dabei schlug ich mir gegen die Brust. Mein Vater? Ausbilder? Die Offenbarung traf mich unerwartet, und ich spürte, wie eine Mischung aus Verwirrung und Stolz in mir aufstieg. Zwar bildete er Ritter für das falsche Königreich aus, dennoch war ich stolz. Und wenn ich an die Adelskleidung dachte, die ich gefunden hatte, erklärte es eigentlich wie meine Eltern vor meiner Geburt lebten, aber genau wusste ich es nie, weil sie nie etwas erzählten und ich auch nie nachfragte.

"Dein Vater hatte uns von Freunden von König Oikawa erzählt und sie haben uns wiederum verraten, wo wir euch finden. Natürlich mit viel Überredungskunst. Außerdem beharrte ich darauf, dass ich Kenjiro in Sicherheit wissen wollte, deswegen hatten sie erst nachgegeben", beendete der Aschblonde seine Erzählung, woraufhin der braunhaarige genervt die Augen nach hinten rollte. Niemals hätten die beiden Apotheker jemanden verraten, wo sie uns finden würden, wenn sie ihnen nicht über den Weg trauten. Ich hatte auch immer das Gefühl gehabt, dass Semi in Ordnung war.
"Iwaizumi, kann ich Kenjiro bei euch lassen?"
"Wieso?", fragte ich skeptisch. Ich wollte ihnen vertrauen, jedoch blieb ich vorsichtig. Schließlich musste ich meine Familie schützen.
"Weil er-", Semi wurde von Shirabu unterbrochen und dieser sah mich angesäuert an.
"Weil ich ebenfalls schwanger bin und er maßlos übertreibt!", haute er raus, was mir die Sprache verschlug und ich ihn verblüfft ansah. Shirabu erwartete ein Kind? Von Semi?

"Ich übertreibe nicht! Ushijima ist es egal, ob du schwanger bist oder nicht, er wird dich weiterhin Drecksarbeit machen lassen", sagte er frustriert zu seinem Partner.
"Ich halte mich an dem Ritterkodex, ich kann und darf mir nicht einfach so frei nehmen, Ushijima duldet es nicht", brummte er schlecht gelaunt. Eben, der König war ein Mistkerl, der auf niemanden Rücksicht nahm, daher verstand ich Semi zu gut.
"Vergiss diesen dummen Kodex, Kenji! Ich... ich habe genug von diesem König! Lange genug habe ich mich zurückgehalten und wir haben Iwaizumi nicht ohne Grund aufgesucht!", schimpfte der Aschblonde weiter, aber er nahm Rücksicht auf den schlafenden Tooru und sprach nicht zu laut. Anschließend verschränkte er ihre Hände und schaute bittend zu mir hinüber.
"Bitte, Iwaizumi! Du... du verstehst doch am besten, wie besorgt ich bin?"
Ja, das tat ich und für mich wäre es in Ordnung, wenn sie blieben. In diesem Moment spürte ich wie der Brünette hinter mir sich regte und die Augen rieb.
"Könnt ihr das Gespräch nicht morgen fortsetzen?", murmelte er noch leicht verschlafen.
"Das sehe ich auch so, Hajime. Die zwei sind eben erst angekommen. Tooru braucht Schlaf, geh mit ihm hoch, ruht euch aus und besprecht morgen weiteres", mischte sich Mutter ein. Mit der ich definitiv auch noch reden musste.

"Iwaizumi!", unterbrach mich Shirabu in meinem Vorhaben, Tooru vom Sofa hochzuheben. Ich wandte mich im zu und verspürte sofort einen stechenden Schmerz, der meine Nase durchzog. Der Braunhaarige hatte mir eine ordentliche Kopfnuss verpasst und die hatte ich wohl oder übel verdient, denn ich erinnerte mich an den Tag der Flucht, an dem ich ihm selbst eine verpasst und ihn zu Boden geworfen hatte. Dass er schwanger war, konnte ich nicht ahnen, was mich noch schlechter fühlen ließ.
"Haji!" - "Kenjiro!", riefen unsere Partner gleichzeitig. Kawa betrachtete meine schmerzende Nase und meine Mutter reichte mir ein Leinentuch. Sie war völlig überfordert und wusste nicht, was sie sagen sollte.
"Jetzt sind wir quitt!", lächelte Shirabu stolz, woraufhin Semi den Kopf schüttelte und sich bei mir entschuldigte: "Iwaizumi, es tut mir wahnsinnig leid!"
"Nein, schon gut. Ich habe es verdient", beruhigte ich ihn, denn das hatte ich nun einmal wirklich.

Nachdem Shirabu uns mit seiner kleinen Racheaktion aufgehalten hatte, beschlossen wir, uns hinzulegen. Im Schlafzimmer hielt ich immer noch das mittlerweile rot verfärbte Leinentuch an meine Nase, nachdem wir uns für das Bett fertig gemacht hatten, als Tooru fragte: "Tut es sehr weh?"
"Es geht schon wieder", beruhigte ich ihn und stupste ihn gegen die Nasenspitze. Ich legte das Tuch beiseite und zog den König in meine Arme, so dass er mit dem Rücken an mich lehnte. Sanfte Küsse verteilte ich an seinem Hals, hinunter zur Schulter.
"Kawa? Kannst du mir verraten, warum du Panikattacken bekommst, wenn du ein Schwert in der Hand hältst?", wollte ich wissen, bevor wir schlafen gingen, denn es würde mich nicht in Ruhe lassen. Er seufzte schwer und kuschelte sich an meine Brust, fuhr mit seinen Fingern kreisende Bewegungen und begann zu erzählen: "Ich war damals sieben Jahre alt..."












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