Kapitel 6

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Jan

Mann, jetzt hat er es schon wieder geschafft. Dieser Junge bringt mich immer komplett aus der Ruhe. Wie er mich angesehen hat. Ich bin mir sicher, das irgendwas nicht stimmt zwischen uns. Und das belastet mich. Ich muss mit ihm darüber reden. Diesen Entschluss fasse ich, während ich mich im Bad bettfertig mache. In Boxershorts und T-Shirt trotte ich zu Andres Zimmer und klopfe an. Ich erhalte keine Antwort, kein „Herein", also öffne ich einfach die Tür.

Sein Zimmer ist leer. Das Bett wie immer nicht gemacht und ein Berg von Klamotten auf dem Boden verteilt. Unordentlich waren wir schon immer. Ich schließe die Tür wieder und suche weiter. Ich finde ihn an seinem Computer. Er hat die Kopfhörer auf und schneidet ein TV Video. Ich lehne mich über seine Schulter und diesmal ist er es, der sich erschreckt. Ich muss lachen, er auch.

Dann fragt er: „Was los, Dsche?" Ich lasse mich auf den Stuhl neben ihn fallen.

„Ich glaube, wir müssen reden..." Oh Mann, das war der dümmste Anfang für ein Gespräch, den ich hätte aussuchen können. „Wir müssen reden..." Genau das sagen immer die Tussis in den Liebesfilmen, oder nicht? Fehlt nur die dramatische Musik im Hintergrund. Ich sehe, wie sein Lächeln verschwindet. Mist.

„Das heißt, eigentlich wollte ich mich bedanken, dass du TV schneidest", versuche ich die Sache irgendwie zu verbessern. Mit Erfolg. Das Lächeln ist wieder da, wenn auch nicht so strahlend wie zuvor. Strahlend? Wie komme ich nur auf so was?

„Kein Problem." Ich rutsche auf dem Stuhl hin und her, bis Andre mich fragend ansieht.

„Äh, also eigentlich..." Mein Blick fällt auf ein Blatt Papier, was vor Andre auf dem Schreibtisch liegt. Er ist meinem Blick gefolgt und schiebt es beiläufig zur Seite, sodass ich es nicht mehr sehen kann.

 „Ja?" Ich kaue auf meiner Unterlippe herum.

„Es tut mir leid, dass ich neulich einfach so in deinem Bett eingeschlafen bin." Das klingt total bescheuert. Ich schaue auf den Boden.

„Das braucht dir nicht leid zu tun, Dsche." Seine Stimme ist auf einmal sanft.

„Das war...", setzte ich an, doch er unterbricht mich.

„Das war ok, wirklich." Jetzt komme ich mir echt vor wie der letzte Idiot. Warum entschuldige ich mich dafür, dass ich mit meinem besten Freund in einem Bett geschlafen habe? Da ist doch wirklich nichts dabei, oder?

 „Aber..." Ich seufzte.

„Ich glaube, wir sollten nicht weiter darüber reden, Jan." Ich nicke. Er hat recht. Und trotzdem würde ich ihm gern von allem erzählen. Meine merkwürdigen Gedanken mit ihm teilen und seine Meinung dazu hören. Auf der anderen Seite schäme ich mich aber dafür und daher lass ich es bleiben. Mein Blick fällt wieder auf das Blatt, auf dem in Andres krakeliger Schrift irgendetwas geschrieben steht. Ich kann nur die Worte „Jan" und „Gefühle" lesen, da reißt er es auch schon weg und zerknüllt es.

 „Was ist das?" Ich lehne mich vor und will es ihm aus der Hand nehmen.

„Nichts." Schnell versteckt er die Hand mit der Papierkugel hinter dem Rücken. Jetzt bin ich neugierig geworden. Warum will er das vor mir verstecken? Ich lehne mich noch weiter vor, bis mein Arm seinen berührt. Er zuckt etwas zurück, hat das Papier aber noch immer fest umklammert. Ich ziehe an seinen Fingern, aber er ist schneller, steht auf und streckt die Hand nach oben und damit aus meiner Reichweite. Egal wie ich mich recke und strecke, ich komme nicht dran. Wie ein Kind, dem man eine Süßigkeit vorenthält. Ich ziehe einen Schmollmund. Andre lacht. Allerdings weiß ich jetzt, wie ich die Sache zu meinem Vorteil nutzen kann. Ganz „zufällig" berühre ich mit meiner Hüfte seinen Oberschenkel. Ein Ruck geht durch seinen Körper und sein Blick begegnet meinem. Diese Augen sind so...

Ich habe vollkommen vergessen, was ich eigentlich gerade erreichen wollte, weil sie mich so sehr fesseln. Ich scheine in ihnen Andres Seele zu sehen. Zu meiner Verwunderung wirkt er traurig und zerbrechlich. Ganz anders, als er sich für sein Umfeld gibt. Ganz langsam strecke ich die Hand aus und greife nach seiner. Er entzieht sie mir nicht, wie ich es erwartet habe. Ich verschränke meine Finger mit seinen, streiche behutsam mit meinem Daumen über seinen Handrücken. Bilde ich mir das nur ein, oder sehe ich ein Flackern in seinen Augen? Das Papier lässt er auf den Boden fallen. Es ist nicht mehr wichtig. Seine kalten Finger liegen in meiner warmen Hand. Mit der anderen greift er nach meinem Hals. Ich genieße seine Berührung viel zu sehr, als ich es eigentlich dürfte. Die Kälte seiner Fingerspitzen ist kein bisschen unangenehm. Er zieht mich langsam näher zu sich, ohne den Blick zu lösen. Dann wandern seine Augen zu meinen Lippen. Er schluckt.

„Ähm Leute, was macht ihr da?" Cengiz steht in der Tür und starrt uns an, als hätte er ein Gespenst gesehen. Fuck. Andre zieht seine Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. Ohne ein Wort macht er auf dem Absatz kehrt und stolpert hastig in sein Zimmer.

„Was war das denn?" Cengiz scheint ehrlich verwirrt.

„Vergiss es einfach!", fauche ich und knalle meine Zimmertür hinter mir zu. Ich weiß selbst nicht, warum ich so wütend bin und vor allem auf wen. Ich will gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn Cengiz nicht gekommen wäre. Naja, das heißt, eigentlich will ich es schon. Ich muss mir einfach vorstellen, wie Andres Lippen meine berühren... Was das wohl für ein Gefühl wäre? Oh Gott, wie schwul sich das anhört. Ich bin verrückt, vollkommen verrückt.


 


Hallo ihr Lieben, tut mir wahnsinnig leid, dass so lange nichts kam. Ich hatte leider mega Stress in der Schule und jede Menge Fahrstunden, aber ich will nicht rumjammern oder Ausreden suchen. Ich hoffe mal, euch gefällt der Teil. Sternchen und Kommis sind sehr erwünscht und zeigen mir, dass ihr Freude an meiner FF habt. :)

Ach ja: VIEEEEEEELEN DANK für über 200 Reads nach nur 6 Kapiteln, das ist echt unglaublich. Ihr seid die besten!!! :* #Lotsoflove




Memories never die | JandreWo Geschichten leben. Entdecke jetzt