Kapitel 80

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Jan

Ich stehe ganz hinten in der Ecke unseres Balkons und schaue in den Sternenhimmel. Das klingt furchtbar kitschig, aber irgendwie beruhigt mich der Anblick nach diesem turbulenten Tag. Vor meinem inneren Auge lasse ich alles Revue passieren.

Andre und ich steigen in das Taxi ein. Vorher weißt er mich auf das Nummernschild hin. „K natürlich für Köln, J für Jan, A für Andre und hinten die Zahl 2011, das Jahr, in dem das erste Video auf Apecrime online kam.", höre ich seine Stimme in meinem Kopf. Wir fahren zum Krankenhaus. Er ist nervös, genau wie ich. Er sagt, dass ich nicht mit hinein gehen soll. „Es ist eine Sache zwischen mir und ihm..." Ich nicke, in meinen Gedanken versunken. Ich blicke ihm nach, wie er geht. Die breiten Schultern in der Lederjacke, die blonden Haare, die der leichte Winde ein wenig zerzaust, die langen Beine in der dunkelblauen Jeans, seine hellen Sportschuhe. Ich sehe diesen Moment vor mir, als wäre er erst vor einigen Minuten geschehen. In Wahrheit sind es viele Stunden. Ein halber Tag. Ich fahre zum Rheinpark. Filme für TV, spreche mit Zuschauern, genieße die Zeit. Dann mache ich mich auf den Rückweg. Mit mulmigem Gefühl im Bauch. Wie es Andre ergangen ist? Mir fällt auf, dass ich das ja immer noch nicht weiß. Ich komme an der Klinik an und bin verwundert. Die Feuerwehr, der Krankenwagen, die Polizei. „Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert...", denke ich. Eine ganze Weile suche ich nach Andre und warte auf ihn, aber er kommt nicht. Ich mache mich auf den Heimweg. Am Hauptbahnhof will ich kurz zu Starbucks gehen. Ein Fehler. Ich treffe Ju und Rob an der Domplatte, von Fans umringt. Ich sehe, wie die kreischende Meute an Jugendlichen zu schreien beginnt und auf mich zu rennt. Sekunden später bin ich umringt. Ju wirft mir einen mitleidigen Blick zu, auch wenn es ihm selbst nicht anders geht. Jeder von ihnen zückt das Handy, will ein Foto, ein Autogramm, eine Sprachnachricht und was weiß ich noch alles. Und es werden immer mehr. Nach vier Stunden kann ich endlich flüchten und mich auf den Heimweg machen.

„Buh!", raunt mir jemand mit tiefer Stimme ins Ohr, reißt mich aus meinen Gedanken und zwei Arme schieben sich um meine Hüfte.

Ich zucke zusammen und er lacht leise.

„Woran hast du gedacht, Dsche?"

„An heute.", antworte ich wahrheitsgemäß.

Er legt seinen Kopf auf meine Schulter. Ich höre seinen Atem direkt neben meinem Ohr.

„Wie war es eigentlich bei deinem Vater?"

Er schweigt. Hätte ich das lieber nicht fragen sollen? Aber ich will endlich wissen, was passiert ist...

„Zu spät.", murmelt er. Seine Haare kitzeln an meinem Hals.

„Was? Wieso zu spät?"

„Als ich ankam, war er schon..." Er lässt den Satz unvollständig in der Luft hängen.

„Weg?", beende ich ihn. Ich spüre sein Nicken. „Gewissermaßen."

Ich drehe mich in seiner Umarmung und sehe in sein Gesicht. Er wirkt erstaunlich ruhig. Ich könnte niemals so gelassen sein wie er, wenn ich erfahren hätte, dass... Aber es ist auch eine ganz andere Situation. Das kann man nicht vergleichen.

„Wann ist er...?", flüstere ich.

„Heute morgen." Er schluckt und lässt mich los. Nun erkenne ich doch den leisen Schmerz in seinen Augen.

„Tut mir leid, Andre."

„Schon ok." Wie er da so vor mir steht und auf den Boden starrt, weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Die Stille zwischen uns war mir selten unangenehm, aber in diesem Moment ist sie quälend.

Memories never die | JandreWo Geschichten leben. Entdecke jetzt