31. Kapitel

5.8K 197 16
                                        

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel geheult hatte, wie vor 2 Stunden. Ich hatte meinen Arbeitsplatz früher verlassen und das Meeting abgesagt. Ich hatte gelogen und die Lüge wieder vergessen, denn jetzt gab es wichtigeres zu regeln. Ich hatte im Kindergarten angerufen und gemeint, sie sollen die Kinder noch eine Stunde länger beaufsichtigen. Ich fuhr Auto und war mir sicher, dass ich viel zu schnell fuhr. Meine Gefühle waren so kaputt, dass ich nicht mal wusste, wie ich richtig darauf reagieren sollte. Mein eigener Vater hatte mich für irgendwelche Sachen benutzt und nun durfte ich alles alleine ausbaden.

Kaum hatte ich richtig in der Ausfahrt geparkt, sprang ich aus dem Auto, knallte die Tür zu und stoppte an der Gartenpforte. Langsam kam wieder diese Unsicherheit. Was wenn mein Vater gar nichts davon weiß? Was wenn er das alles mit voller Absicht getan hat? Was ist wenn ich ihm danach nie wieder ins Gesicht sehen kann, wie eine Tochter ihren Vater ansieht? Ich unterdrückte den Drang alles beenden zu wollen. Ich musste einfach nur ein normales Gespräch führen. Obwohl normal hier wohl der komplett falsche Begriff ist. Ich drückte die Klinke herunter und im selben Moment begann unser Golden Retriever zu bellen. Ich begrüßte ihn halbherzig. Irgendwie fühlte ich mich von ihm verraten, selbst wenn er dafür nichts konnte. Er hatte mir vielleicht einfach mal Bescheid sagen sollen.

Ich lief zur Terrasse und blieb vor den 3 Stufen stehen. Als ich schwanger geworden war, war Dad der Erste, dem ich von meiner Schwangerschaft erzählte. Ich saß damals mit Tränen überströmten Gesicht neben ihm, genau auf dem Platz über dem jetzt ich stand. Den Kopf auf seine Schulter gelegt, beide Hände um mich selbst geschlungen und total verzweifelt, hörte er mir einfach nur zu. Dad hatte nie die Notwendigkeit gesehen unnötiges Zeug von sich zu geben. Er wusste, dass ein einfaches ,Wird schon wieder' nichts brachte. Wenn er heute damit anfängt, kille ich ihn höstpersönlich. Ich trat die erste Stufe hoch und mein Herz wurde schwerer. Ich erklimm die zweite Stufe, denn mir kam es vor, als würde ich einen Berg hoch steigen, und mein Hals schürte sich zu. Ich stand oben und ich fing fast anzuweinen. Ich klopfte zwei mal, bis meine Mutter mir die Tür öffnete. Sie lächelte. Ich bekam meine Mundwinkel nicht mal dazu sich einem Nanometer nach oben zu bewegen. Meine Mutter hatte immer ein Gespür dafür gehabt, wann ich nicht über meine Probleme reden wollte. Jetzt war so ein Moment. Sie rang mit sich, ob sie nicht doch fragen sollte, als sie zur Seite trat und mich reinwinkte. Ich stand im Flur und unterdrückte das Zittern in meinen Händen.

»Kann ich mal Dad sprechen.«fragte ich und sah etwas hilflos den langen Flur hinunter. »Richard kommst zu mal!«rief meine Mutter und in kürzester Zeit stand mein Dad im Türrahmen der Küche. »Hallo Rosie.« Er lief lächelt auf mich zu, doch noch bevor er bei mir stand, bemerkte er das etwas nicht stimmte. »Ist etwas?«,fragte er und trat einen Schritt zurück, um mich genauer zu betrachten. »Ich glaube, wir sollten uns nicht vor Mama darüber unterhalten.« Ich hatte mich noch nie so distanziert verhalten, zu beiden meiner Eltern. Er sah mich noch nicht einmal verwirrt an. Mein Dad hatte gewusst, dass es mal dazu kommen würde. Meine Wut wurde wieder entwacht.

Ich lief ihm zielstrebig hinterher, bis zur Kellertreppe. »Was willst du da unten?«fragte ich und wurde misstrauisch. Meine Angst ging nämlich so weit, dass ich glaubte, dass er mir unbringt, damit nicht auffliegt, was er mir an getan hat. »Nach da unten folgt uns Mama bestimmt nicht.« Ich nickte kurz und folgte ihm. In seiner Werkstatt angekommen, meinte er, dass ich mich ruhig hin setzen könne. Ich blieb stehen. »Also weswegen bist du hier?«fragte er und faltete seine Hände. »Warum kennt dich Adam?«,fragte ich und verschränkte meine Arme vor der Brust. »Von der Beerdigung deiner Oma.«meinte er. Ich bemerkte sein leichtes Aufatmen. Er sollte sich ruhig in Sicherheit wiegen. Ich lehnte mich an die hölzerne Wand und sah in sein Gesicht. Mein Vater hatte ein faltiges Gesicht, das in das Bild eines Opas passt. Manchmal kam er mir älter vor, als er war. Er hatte tiefe Augenringe, leicht blasse Wangen und seine eine Hand zuckte. Mein Vater, Richard Sterling, sah nicht ansatzweise so selbstsicher aus, wie er immer in Erscheinung trat. Ich musterte ihn. Er tat das selbe bei mir. Wir schwiegen. Mit jedem Moment, der schweigend dahin strich, wurde meinem Vater bewusst, dass ich mit dieser Antwort nicht zufrieden war. »Warum glaub ich dir das nicht?«meinte ich und richtete mich wieder gerade auf. »Das weiß ich nicht.« Mein Vater zuckte mit den Schultern und sah mich zusammen gekniffen Augen an. »Er kennt deinen Vornamen und hat mit dir auf der Beerdigung nicht wirklich viel geredet. Natürlich redet er dann von dir, als hättet ihr zusammen jemanden umgelegt und das verbindet euch jetzt.« Meinem Vater entgliet die Mimik komplett. Er sah mich mit offenen Mund an. Er ballte seine zitternde Hand zur Faust. Sein Gesicht stellte eine solche Angst und Wut dar, dass mich das ziemlich verwirrte. »Was hat er dir von dem Auftrag erzählt?«fragte mich mein Vater und stand auf. »Welcher Auftrag?« Jetzt war ich verwirrt. »Wie du weißt nichts davon?«,fragte mein Vater und blickte mich erstaunt an. »Weswegen bist du denn dann hier?« Ich merkte, wie mir gerade der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. »Ich bin hier, weil Adam mir gedroht hat und dich als Begründung genannt hat, Richard! Deswegen bin ich hier! Was für ein Auftrag meinst du!?« Ich war auf 180. Erst stellt er sich dumm, dann gibt er was ganz anderes zu und zum Schluss will er mich verwirren. »Rose... Es ist kompliziert. Ich... Ach ich weiß doch selber nicht, was ich da getan habe. Das ganze ist jetzt schon 12 Jahre her. Wer hätte den ahnen können, dass du davon Wind bekommst.« Er warf seine Hände in die Luft. »Was ist vor 12 Jahren geschehen?«fragte ich zittrig.

Think aboutWo Geschichten leben. Entdecke jetzt