[5] beschützen soll.

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Flashback

Der Stift kratzte auf dem weißem Papier und ließ einen viel zu dicken Strich zurück. Anschließend folgte ein Radiergummi, der ebenfalls auf dem Papier wanderte, um den missglückten Strich verschwinden zu lassen. Vergebens, immer noch blieb er Sichtbar. Voller Panik verstärkte ich den Druck auf das Papier und ließ ihn immer schneller über es gleiten.
Die Bibliothek schien bis auf mich volllkommen leer zu sein, denn nur der Ton welchen ich veranstallte war zu hören gewesen, sonst war alles leise. Wahrscheinlich hätte man eine Nadel auf den Boden fallen lassen können und man hätte sie gehört. Meine Blicke glitten durch den Raum, während ich alles um mich herum für einen Moment vergaß. Dieser Raum in der Schule war wohl der einzige in den ich gerne ging. Hier konnte ich über so vieles Nachdenken. Die Zeit hier genoss ich. Dann war ich alleine und frei. Ich richtete meine Aufmerksam  ein weiteres Mal auf das Blatt in meiner Hand und seufzte laut auf. Inzwischen war der Strich wirklich verschwunden. Das Papier auf das er war jedoch auch. Meine Hände ließen das völlig zerstörte Blatt los und ich ließ meinen Kopf in ihnen versinken. Vielleicht sollte es so sein. Es war ein Zeichen, dass dieser Brief niemals seinen Empfänger erreichen sollte. Wie lange war ich denn schon in den Jungen, der in Biologie direkt vor mir saß? Wahrscheinlich einfach viel zu lange. Aber getraut hatte ich mich nie ihm etwas davon zu sagen. Die ganzen Jahre blieb ich einfach nur stumm hinter ihm sitzten. Endlich wollte ich mich trauen und ihm meine Liebe gestehen. Wenigstens mit Worten, einem kleinem Brief auf dem sie standen, denn schreiben konnte ich. Das Reden in seiner Gegenwart aber schien wie verschwunden zu sein. Meinstens sah ich ihn einfach nur verträumt an. Meine Stimme blieb in diesen Momenten stecken. Wie konnte man nur so verliebt in eine Person sein, mit der man noch nie auch nur ein Wort gesprochen hatte? Es war so surreal. Seine Bewegungen, aber schienen wie er selbst so perfekt zu sein. "Lieber Punkt, Punkt, Punkt ich wollte dir immer schon sagen", ließ plötzlich jemand meinen Brief vor. Erschrocken über die Geselschaft fuhr ich hoch und sah in zwei braune Augen, die mich amüsiert ansahen. Ein Lächeln zierte, dass Gesicht von dem Unbekannten und neugierig hielt er den Brief in seiner Hand, welche mit einem Ring an seinem Mittelfinger verziehrt war. "Du solltest wohl den Empfänger hinauf schreiben, nicht nur Punkte. Sonst wird er nie ankommen", meinte er besserwisserrisch, als er mich fertig gemustert hatte, während er sich an den Tisch anlehnte und mich von der Seite aus ansah. Als ich jedoch nichts mehr sagte fing er an weiter zu lesen. "das ich dich sehr gerne mag. Ich konnte es nie sagen, daaa", das A zog er lange und blickte vom Brief hervor. Nur seine Augen und Haare waren sichtbar, was wirklich lustig aussah und mich leise kichern ließ."Stört, dich wohl gar nicht, dass ich mir das durchlese", sprach er nachdenklich seine Gedanken aus, worauf ich aufstand und ihm den Brief aus der Hand nahm. "Nicht im geringsten" Er lachte und stellte sich wieder gerade hin, sodass wir uns näher standen, als wir wahrscheinlich beide wollten. Sein Atem streifte meine Haut, während ich mich auf seine Augen fixiert hatte. Ein einfaches braun nicht mehr. "Warum nicht?", fragte er. Seine Stimme war wahrscheinlich gleich laut geblieben, aber plötzlich erschien sie mir wie ein leises Flüstern. Zaghaft schlich sich ein größeres lächeln auf meinen Mund, welches nicht verschwinden wollte. Dieser Junge war anders, als die meisten. Aber das sagte ich auch zu jedem. "Mich stört es einfach nicht, wenn jemand vorließt was ich schreibe." Er zog seine Augenbrauen hoch und musterte mich misstrauisch. Sein Lächeln aber blieb unverändert. Dann sprach niemand mehr. Stille füllte den Raum. Nur noch das leise atmen von uns war zu hören. Nicht einmal der Lärm von dem Schulhof drang bis hier her, weswegen ich wieder das Wort ergriff. Aus der Hoffnung, dass er dann nicht gehen würde. "Was machst du eigentlich hier?", fragte ich ihn. Auf mich wirkte er nicht wie jemand, der gerne las.
Eher wie die Art von Junge, die außer feiern nichts zu tun hatten. Dieser Ort gehörte wohl nicht zu denen, die er häufiger aufsuchte. "Ich verstecke mich vor den Masken Menschen. Die Menschen, die da draußen überall sind." Sein Arm streckte er in Richtung Tür aus und verharrte so für einige Sekunden. "Aha" Seine Worte verstand ich dort noch nicht. Wenn ich gewusst hätte, dass ich selbst mal einer von ihnen sein würde, hätte ich dieses Thema wohl ernster genommen, aber das wusste ich damals eben noch nicht. Jung und naiv war ich. "Das sind die Menschen, die hinter einer Maske all ihren Kummer und ihre Sorgen verstecken. Sie zerfressen sich in sich selbst und verlieren sich dabei immer mehr. Weil es in dieser Gesellschaft nicht erlaubt ist, traurig zu sein. Du musst nur die Augen aufmachen, dann siehst du sie. Die traurigen Gestallten, die scheinen glücklich zu sein", erklärte er mir weiter. Die Ernste die in seinen Worten lag, deutete mir an das er es erst nahm und so wie er es sagte, waren diese Menschen ziemlich arm dran. "Kann man ihnen helfen?" Er zuckte mit den Schultern und drängte sich an mir vorbei. So als würde er an Platzmangel Ersticken. Tief holte er Luft und raufte sich die Haare. "Nein, ja. Ich weiß es nicht. Manchmal denke ich daran, dass ich ihnen helfen könnte...aber ich habe Angst, dass ich jemand von Ihnen werde", murmelte er vor sich her während er mir den Rücken entgegen streckte und fügte nach einer Weile weitere Worte hinzu. "Dieses Leben ist ein Maskenball und ich will nicht zu ihm erscheinen."  Dann ging er los. Gerade aus und ließ mich alleine. Bewegungslos blieb ich stehen. Bis mir einfiel, dass ich nicht einmal seinen Namen kannte und irgendwie wollte ich ihn wieder treffen. Irgendwie wollte ich seine Sichtweise verstehen. Wollte mit ihm über die ganze Welt reden. Ehrliche Gespräche mit ihm führen und mit ihm an meiner Seite wollte ich meine Augen öffnen um die Wirklichkeit zu sehen. "Wie heißt du?", schrie ich ihm nach, worauf er sich umdrehte. Seine Haare hingen ihm in sein Gesicht und er wischte sie sich aus ihm. Seine Hände steckte er sich ihn seine Hosentaschen. "Namen. Für was musst du meinen Namen wissen?" "Ich will dich wieder sehen." "Dazu musst du nicht meinen Namen wissen." Mehr sagte er nicht. Denn dann ging er wirklich aus dem Raum. Zu dem Maskenball, zu den Menschen, die die Masken trugen.
An diesem Tag sah ich mir die Menschen um mich genauer an. Ihre Bewegungen, ihre Gestickten, ihre Arten alle von ihnen waren so unterschiedlich, aber bei niemanden konnte ich auch nur ein wenig Traurigkeit erkennen. Sie waren doch alle glücklich. Zumindest schien es so. Masken sah ich keine. Was der Typ aus der Bibiothek damit meinte, verstand ich noch nicht. 
Doch je mehr ich mich damit beschäftigte, je mehr sah ich das Leid. Ich bemerkte wie falsch das Lachen einiger Leute doch war. Das nicht jeder ehrlich war der lachte. Ich sah die verzweifelten Hilferufe, deren die innerlich schon aufgegeben hatten und ich laß Zeilen die mich zum Nachdenken brachten. Nachrichten die mich zuvor nie interessiert hatten, ließen mich nachdenken. Meine Traumwelt zerbrach immer mehr und mehr und nach und nach gab ich dem Jungen recht. Dieses Leben war ein Maskenball. Man sah nur die Fassaden der Menschen, alles wurde gut geredet. Die Wahrheit blieb unausgesprochen und nach der Frage wie es einem ging folgte meistens nur ein gelogenes -Gut-. Aber nachfragen tat niemand mehr. Denn es interessierte niemanden. Mein Gang wurde von Tag zu Tag immer Krümmer und mein Blick auf den grauen Boden gewendet. Die Wahrheit von den Masken wollte ich immer mehr verdrängen. Am liebsten wäre ich Blind geblieben, denn alleine schien ich in dieser Welt immer mehr unter zu gehen. Jemanden um darüber zu reden, der es auch verstehen hätte, hatte ich nicht, deshalb ging ich in jeder Pause die Bibiothek und versteckte mich zwischen all den Büchern, Zeitschriften und Teilweise auch Filmen um den Maskenmenschen zu entkommen. Ich tat es nicht mehr aus Spaß, sondern weil ich sonst untergegangen wäre. In Büchern vertiefte ich mich Wochenlang und verdrängte die Außenwelt. Ich kehrte in mich. Dabei veränderte ich meine Art und obwohl ich es nie wollte war ich drauf und dran mir selbst eine Maske aufzusetzen.

Irgendwann traf ich den Jungen ein weiteres Mal in der Bibiothek. Ich hatte mich auf einen Stuhl gesetzt, mich vor einem neuen Buch niedergelassen und genoss die Stille um mich herum. Alle anderen Schüler waren vor der Tür. Warfen mit Scheebällen um sich herum und hatten Spaß nur ich hatte hier Unterschlupf gesucht.
Als jedoch der Namenlose Junge den Raum betrat, wurde die Freiheit durch einem ungutes Gefühl in meinem
Magengegend umgetauscht. Er trat zu mir und lächelte mich an. Doch ich konnte es nicht erwiedern, obwohl ich es so gern getan hätte. Aber meine Gesichtzüge waren kalt wie der Schnee vor der Türe. Unsicher trat er mir näher und setzte sich gegenüber von mir hin. Wartete scheinbar auf eine Erklärung. "Ich hab sie gesehen, diese Menschen", gestand ich während ich auf das Buch vor mir starrte. Ich wollte nicht sehen, wie er sich bei den Nächsten Worten die ich sagen wollte verhalten würde. Denn ich wusste selbst nicht wie ich mit dieser Tatsache umgehen sollte. "Und ich glaube ich bin einer von ihnen geworden."
Ich schlug das Buch zu und wendete meinem Blick zu ihm hoch. "Nicht du", murmelte er während er mir mit einem traurigem Blick entgegen sah.

Doch ich.

Der Maskenball (Cro Ff)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt