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Flashback

Die Schreie der Ärzte drangen zu mir durch. Hektik breitete sich im Raum aus und zwischen all dem lag er mit seinem blassen Gesicht und schlief. Er schlief einfach, als würde ihm der Atem fehlen um aufzuwachen. Seine Struktur war so schwach, so anders und ich wollte weinen, wollte schreien, wollte wegrennen, doch ich blieb stumm stehen.
Alles passierte wie in Zeitlupe vor meinen Augen, ich sah jede einzelne Bewegung von ihm und trotzdem verstand ich es nicht. Wollte nicht verstehen was mir ihm passierte.

Ich fühlte die Hand einer Krankenschwester an meiner Brust liegen, fühlte den Druck auf ihr und sah mich später wie in einem Film vor der Tür sitzen. Etwas passierte mit mir und ich sah zu. Die Krankenschwester verschwand wieder, ohne sich um mich zu kümmern und kümmerte sich mit den anderen um den Namenlosen. Eigentlich wollte ich auf sie wütend sein, dass sie mich ahnungslos zurück ließ. Mir nicht sagte was los war. Aber er brauchte sie und ich brauchte ihn.
Meinen Kopf versenkte ich in meinen Hände, bis ich mich dazu entschloss aufzusehen. Ich zog meine Beine an meine Brust heran, umschlang sie mit beiden Armen und beobachtete die weiße Türe vor mir. Wartete bis sie sich öffnete, ein hoffnungsloses Warten, denn sie blieb geschlossen, aber trotzdem blieb ich sitzen.
Leute gingen an mir vorbei und betrachteten mich. Sahen die Emotionslosichkeit in meinem Gesicht und dachten sich nichts dabei als sie kurze Zeit stehen blieben, denn sobald ich meine Mundwinkel Sekunden lang hochzuckte gingen sie weiter, in dem Glauben, dass es mir gut ging.
Nur ein einziger Arzt war stehen geblieben. Er war ein Psychiater und setzte sich plötzlich einfach neben mich hin. Ich betrachtete ihn lange von der Seite aus und verdrängte den Lärm um uns herum um mich nur auf ihn zu konzentrieren. Wir fingen irgendwann an zu reden, über vieles aber nicht warum ich hier war und es beunruhigte mich, dass er mich nicht fragte. Denn ihm wollte ich es anvertrauen. Er hatte diese Ausstrahlung an sich. Er war ein ehrlicher Mensch und er hatte Schweigepflicht. Ihm wollte ich alles erzählen. Doch er ließ es nicht zu.
"Wie heißen sie?", fragte ich leise, um
Ihn einordnen zu können. Lange betrachtete er mich Stillschweigend und sein fragendes Gesicht bestätigte mir, dass er mich nicht verstanden hatte. Ein wenig lauter wiederholte ich meine Frage worauf er ein wenig beschämt seine Hand ausstreckte und ich sie Stillschweigend schüttelte. "Dr. Waibel", meinte er und dann verstand ich wieso er bei mir war. "Sie sind auch wegen Carlo hier", stellte ich fest und er nickte, während er seine Hand von meiner löste und sich von mir wegwendete. Seine Füße streckte er vor sich und seine brauen Haare fielen ihm in sein faltiges Gesicht. Erst jetzt wo ich ihn näher betrachtete merkte ich, dass Carlo und er sich überhaupt nicht ähnelten. Außer dem weichen Wuschelhaar, hatten sie nichts gemeinsam. Womöglich hätte sich dass auch geändert, wenn er auch einmal gelächelt hätte, das tat er aber nicht. "Seid Ihr Freunde?", fragte er und tippte unruhig mit seinem Füßen auf den Boden herum. Kurz hielt ich inne, biss mir auf die Unterlippe und sah ihn anschließend in seine rötlichen Augen. Er hatte geweint und mir fiel es erst jetzt auf. Meine Gedanken drehten sich nur um Carlo, meine Augen waren geschlossen vor dem Offensichtlichen. "Ich glaube schon. Zumindest waren wir es einmal." Bemitleidend sah er mich an, um seinen Blick später zur Tür zu senken und entrüstet ausatmete. Er wollte wahrscheinlich so gerne wie ich zu ihm hinein gehen. Aber selbst er wusste, dass er das nicht durfte. Wahrscheinlich wäre das auch für niemanden wünschenswert gewesen sein eigenes Kind so zu sehen. "Carlo ist sehr Anstrengend", beteuerte er während er nach meinem Namen suchte um weiter zu sprechen. Er wollte mich Persönlich ansprechen und ich wusste nicht was ich davon halten sollte. Es war bestimmt einer seiner Psycho Tricks gewesen und sicher ob ich das mit mir machen wollte war ich mir nicht. Unhöflich wollte ich aber nicht erscheinen. "Lunack Alaska", sagte ich und erblickte Funkeln in seiner Augen. "Er hat die letzte Woche oft über dich geredet." Ich schüttelte meinen Kopf. Das konnte er nicht. "Er kannte meinen Namen, doch nicht." Enttäuscht schüttelte er den Kopf, lehnte sich vor und fuhr sich durch die Haare . "Ich dachte er hätte es dir endlich erklärt", seufze er. "Was erklärt?"
Eine Krankenschwester verließ das Zimmer von Carlo und sah uns mir trauriger Mine an. Das Gespräch war hiermit beendet. Ruckartig stellte ich mich auf und vergaß zu Atmen. Beinahe stolperte ich über meine Füße, schaffte das aber doch gerade zu stehen. Carlos Vater stand ebenfalls auf und sein Gesicht wurde mit der Zeit immer blasser. "Sein Herz hat aufgehört zu schlagen", erläuterte die dünne Ärztin in ihrem Kittel und die Welt blieb stehen. Alles verschwamm zu einem Rauschen und meine Knie fingen an zu zittern. Diese eine Nachricht ließ mein Leben in unendlich viele Teile zerspringen. Tränen flossen mir über die Wangen. Er musste leben.
Verschwommen durch die Tränen stand Dr. Waibel vor mir, er war der erste Arzt der mich an den Schultern packte und meinen Namen mehrmals sagte aber nicht der letzte. Eine Reaktion meinerseits blieb aus. Mein Herz war ein Puzzle und dieses eine Teil, das es zu dem machte was es war, fehlte. Er war nicht mehr hier. Carlo. "Atme! Alaska Atme!", schrie mich seine Stimme an und nickend stimmte ich ihn zu. Ich atmete, ich war fest überzeugt das ich es tat, aber es fühlte sich eher so an, als wäre ich unter Wasser. Ich ertrank.
Vorsichtig setzte er mich auf den Stuhl und bückte sich zu mir hinunter. Seine Hände umschossen meine. "Er ist nicht Tod", flüstere er mir entgegen und sah mir besorgt entgegen. "Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen, aber er hat sich wieder gefangen. Alaska hör mir zu." Die Wörter drangen nur oberflächlich zu mir durch. Ich wollte zu Carlo. Sonst würde ich nicht glauben, dass er lebte. Ich hatte die Worte, doch selbst gehört. "Es geht ihm gut", beteuerte die Krankenschwester, die ich völlig vergessen hatte. Er lebte und ich atmete. "Wissen Sie warum er umgeflogen ist?", krächze ich hervor. Er nickte. "Weiß es Carlo?" Erneut nickte er. "Warum weiß ich es nicht? Warum hat er mit mir nicht darüber geredet?" Er zuckte mit seinen Schultern. "Wahrscheinlich hatte er einfach nur Angst, dass du es nicht verstehen würdest." Er ging einen Schritt zurück, als er bemerkte, dass ich aufstehen wollte und ließ meine Hand los. Langsam schritt ich an ihm vorbei und beobachtete Carlo durch den offenen Spalt der Tür. Bewegungslos lag er da, die Geräte bewiesen aber, dass er noch lebte. "Sagen Sie ihm, dass ich da war. Ich muss jetzt gehen", murmelte ich und fühlte plötzlich seine Hände um mich gelegt. Ich war gegen Nähe, aber seine Umarmung tat so gut. Eigentlich auch nur darum, weil er gleich wie sein Sohn roch und ich diesen jetzt schon vermisste, obwohl ich noch gar nicht gegangen war. Seine Hände lösten sich von mir und leicht lächelte er mich an. Das Glück spiegelte sich in seinen Augen wieder. Sein Sohn lebte. Mit einer Handbewegung verabschiedete ich mich von ihm und ging an all den Fremden Menschen vorbei. Das Gehen funktionierte erst mit der Zeit besser, als meine Beine endlich wieder aufhörten zu zittern.
Ich zog mir meine Jacke zu und stülpte meine Kapuze über den Kopf. Die Schneeflocken flogen langsam auf den Boden und gesselten sich zu ihren Freunden, die ich zertrammpeln musste, um zu der Bushaltestelle zu gelangen. Einen Blick warf ich noch auf das große Gebäude bevor ich in den Bus Einstieg und mir Kopfhören in die Ohren steckte. Die Tatsache, das er beinahe gestorben war, beschäftigte mich mehr als ich je gedacht hätte. In diesem Moment, als ich den einen Satz hörte blieb alles stehen und meine Welt ging unter. Er war mir so viel wert und das obwohl er anscheinend noch nie ehrlich zu mir gewesen war. Dieser Junge kannte meinen Namen schon seit Wochen. Das was mir aber in diesem Momet wichtiger erschien war, etwas was mich Lächeln ließ, war die Tatsache, dass er tatsächlich über mich geredet hatte.
Verträumt sah ich auf dem Fenster hinaus und sah die Landschaft trotzdem nicht an. Mit meinen Gedanken war ich auf dem Mond gelandet. Die Antworten auf meine Frage konnte nur er mir geben, dessen war ich mir bewusst und am liebsten hätte ich ihn gleich durchlöchert. Jedoch brauchte er Ruhe und das brauchte ich auch. Aber vor allem brauchte ich Klarheit was ich tun sollte.
>>Was würdest du tun, wenn dich die wichtigste Person deines Lebens dich anlügt?<< fragte ich Luciana in einer SMS, kurz nachdem Carlo den Kampf gegen den Tod gewonnen hatte.
>>Die wichtigste Person deines Lebens? War es denn eine große Lüge.?<<
Seine ganze Existenz.
>>Ziemlich groß.<<
>>Du redest von Carlo.<<
Von wem sonst?
>>Woher kennst du seinen Namen?<<
>>Ich habe mich informiert. Willst du etwas über ihn erfahren?<<
>>Immer doch, aber nicht so. Er sollte es mir selbst sagen. Er soll mir sagen warum er beinahe gestorben ist.<<
>>Was?<<

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