Hecktische Menschen rannten schon förmlich an mir vorbei, als ich die Stufen zu Bahnsteig 3 hinauf ging. Einige wirkten unsicher, andere gestresst und viele von ihnen sahen einfach nur leer durch die Gegend, unterdessen Musik durch ihre Kopfhörer drang. Die meisten von den verlorenen Seelen waren Teenager um die 15, 16 Jahre alt manche vielleicht auch älter.
Was sie wohl hörten, um sich von der Realität zu verstecken? Hörten sie leise und traurige Musik oder doch laute mit viel Bass? Meiner Ansicht nach war Nummer eins mit zwei gemischt, die beste Option. Laute Musik mit viel Bass und doch so viel Traurigkeit in ihr. Zurzeit aber hörte ich nur zuhause Musik. Immer die gleiche CD auf und ab. Sonst nichts.
Die Blicke von den seelenlosen Maskenträger waren meist auf den Boden gerichtet, zwischen den vielen anderen Menschen fielen sie nicht weiter auf und wenn sie doch aufgefallen wären, hätte man sie eingewiesen. Nicht jeden, aber viele. In eine Klinik hätte man sie gebracht zu Personen, die sie nicht kannten. Damit die ihnen helfen konnten. Wie dumm konnten Menschen sein, um nicht zu bemerken, dass dies der falsche Weg war? Das einzige was sie mussten war es zu reden. Ihnen Liebe schenken. Dann wäre alles gut gewesen. Diese Zeit aber konnten die meisten nicht aufbringen. Denn wie hieß es so schön, Zeit war Geld und um Geld drehte sich die ganze Welt. Geld hier Geld da. Überall und nirgendwo zugleich. Einen Moment verharrte ich auf der dreckigen Stufe, auf welcher tausende Menschen schon vor mir gestanden hatten und auf der nun auch ich stand. Mein Blick richtete sich vor mich, zu einem Mädchen mit schwarzem Haar direkt in ihre dunkeln Augen. Ich versperrte ihr den Weg und so musste auch sie zum stillstand kommen. Sie war eine Magere Person. Beinahe bestand sie nur aus Haut und Knochen. Ihre Haare fielen in ihr Gesicht, welches nur durch schwarze Umrandungen mit einem Eyeliner Farbe bekam. Sonst war sie weiß wie ein Vampir. Ihre Fingernägel waren kurz, angeknabbert, nicht schön und ihre Kleidung war zerrissen. Nicht mehr lange und sie wäre unter der Erde gelegen. Wie Automatisch streckte ich ihr meine Hand entgegen. Ich wollte ihr helfen. Ihr zeigen, dass sie gerade falsch lebte, dass die Welt auch schön sein konnte. Doch sie sah mich nur Verstört an. Weg ging sie aber auch nicht. Blieb einfach stehen. Leute gingen an uns vorbei, welche ohne und welche mit Masken. Sie kamen von unten und oben, während wir einfach nur so da standen. Es war nichts schlimmes nichts zu sagen. Es war sogar sehr schön. Ihre Nähe war schön. Auf eine Weise die ich nicht verstehen konnte.
Mein Zug war schon lange abgefahren, aber eilig hatte ich es nicht. Immerhin hatte ich frei und meine Pläne hatten sich kurzfristig geändert. Jetzt würde ich bleiben, bis es ihr besser ging. "Gehen sie", fauchte ihre kratzige Stimme mich an und zum ersten Mal hörte ich sie sprechen. Ihre Stimme war rauchig und abgenutzt wahrscheinlich hatte ihre Lunge schon viel Rauch in sich gehabt. So verloren wie das Mädchen vor mir war. "Gehen sie!", schrie sie ein weiteres mal, nachdem ich nichts sagte laut in die Luft. Blicke richteten sich auf uns. Nur einige. Die meisten aber hatten daran kein Interesse. War ihnen doch egal, was hier passierte. Sie sahen ja nicht einmal, dass dieses Mädchen krank war. Ihre Wunden an den Armen war ihnen egal und das Blut, welches durch den Pullover drang auch. Sie taten es dem Namenlosen Jungen nach, denn sie wollten nicht so werden wie wir. Aber indem sie die Augen verschlossen, machten sie es nicht besser. "Nehmen Sie diese Hand runter", befahl das Mädchen mir und langsam senkte ich sie, so wie sie es wollte. "Wohin musst du gehen?", fragte ich und die Hoffnungslosichkeit holte sie mit ein wenig Angst ein. Ihre Lippen zitterten und wortlos erzählte sie mir, dass sie an einen besseren Ort wollte. Dafür musste sie mich nur ansehen. "Wie alt bist du?" "Kann ihnen doch egal sein." Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Ja es konnte mir egal sein. Ich hätte auch weiter gehen können. Dieses Mädchen hatte keine Bedeutung für mich und doch stand ich da. Meine Hände hielten sie an den Armen fest. Links und rechts. Nach Hilfe schrie sie nicht. Für sie war ihre Welt untergegangen. Schon zu lange. Retten konnte man sie ihre Meinung nach nicht. Es gab kein Bergab mehr.
Sie war schon unten. Das zeigten mir ihre Augen. "15", flüsterte sie und sah auf dem Boden hinab, zu ihren Füßen die mit kaputten Schuhen geschützt waren. "So jung und doch so kaputt. Lass mir dir helfen. Ich verspreche dir es wird dir nacher besser gehen." "Alles nur Lügen. Lass diese Versprechungen Niemand kann mir helfen. Ich bin unten. So lange schon, zu weit. Ich will nicht mehr", erklärte sie und wurde bei jedem Wort leiser. Bis sie ganz verstummte.
Tränen füllten ihre Augen und liefen ihre Wange hinunter. So viel kleine Tränen. Sie war doch noch zu jung für diese Tränen, diesen Kummer vor allem weil das hier nicht richtig war. 15 war kein Alter zum Sterben. Ohne etwas zu sagen setzte ich mich auf die Stufe und zog sie zu mir herunter. Ihr Kopf lehnte sie an mein T- Shirt und weinte weiter. Ich strich ihr behutsam mit meiner Hand über den Rücken und drückte sie an mich. Ihre kalte Haut und alles was von dem gestorbenen Mädchen noch übrig war. Sie schien so zerbrochen. Der entscheidene Punkt aber war, dass sie noch lebte. "Ich bin Jojo. Eigentlich Johanna, aber keiner nennt mich so und ich komme mit meinem Leben nicht klar", gestand sie unter Tränen, als sie sich wieder aufgesetzt hatte. Ich nahm meine Hand und streichte ihr die Tränen aus dem Gesicht. "Alaska Lunack, alle nennen mich Alaska und ich komme mit einem Verlust nicht klar." Ihre Augen beobachteten meine Lippen bei jedem Wort. Sahen dann auf zu meinen Augen und blieben dort Stecken. Hoffnung kehrte zurück, auch wenn nur kurz. Ich reichte ihr meine Hand und drückte ihre fest. "Warum bist du hier?" "Weil mich niemand will. Ich bin das Kind von Menschen, die es nie wollten. Ich bin ein Unfall." Meine Gesichtzüge wurden ernster. Der Druck auf ihre Hand stärker. "Das ist doch nicht wahr." Jojo warf mir einen bösen Blick zu. "Man gelangt doch sonst nicht in die Babyklappe und dann in ein scheiß Weisenhaus wo niemand bemerkt das du weg bist." 15 zu jung für so etwas. Wie konnte sie nur so denken? Weil es die Wahrheit war. "Komm zu mir. Ich habe eine schöne Wohnung. Wohne bei mir. Dir wird es gefallen."
Misstrauisch sah sie mich an. Wie konnte jemand der noch so ubwissend, so jung war, so misstrauisch sein? Möglicherweise weil ich eine Fremde für sie war. Niemand ging einfach so zu einer Fremden. Außer Johanna sie war anders. Denn ihr wäre es egal gewesen, wenn ich sie getötet hätte. Weil sie nicht mehr konnte. "Danke, Alaska. Ich will trotzdem noch springen", gestand sie. Von der Brücke im Wald. Dieser Platz. Glaubt mir dort war ich auch schon. Diese Freiheit die ich dort spürte war umwerfend. Sie mit jemandem teilen zu können war perfekt. "Warum willst du überhaupt springen?" Sie schloss ihre Augen, während sie tief einatmete. Ihr Brustkorb hob sich. Dann senkte er sich und der Geruch von Alkohol schoss mir entgegen. 15 dafür war sie zu jung. "Weil ich aufgeben werde, wie mein Vorbild es getan hat. Ich werde es hinwerfen. Weil dass das richtige ist." Ich platzierte meine Hand an ihrem Kinn und hob ihren Kopf zu mir hoch. Nach einem kurzen Augenkontakt stand ich auf. Ließ sie zurück und ging die Stufen hoch. Eine nach der anderen. Zwingen konnte ich sie zu nichts. Möglicherweise wäre sie im der nächsten Zeitung die Titelstory gewesen. 15 - jährige nahm sich das Leben, weil sie nicht geliebt wurde. Todtraurig war das ja schon. Aber jede Maske konnte man nicht reparieren. Nicht jeder war bereit dazu sich zu zeigen. Die Maske war doch um so vieles Bequemer.
"Alaska!", rief mir Jojo nach einer Zeit nach und kurze Zeit später berührte mich ihre Hand. Meinen Kopf wendete ich zu ihr zurück. Sah vieles in ihrem Gesicht was ich nicht deuten konnte. "Kannst du mir helfen? Ich möchte meine Maske abnehmen", fragte sie. Nicht jede. Aber ihre schon. Zum Glück. Lächelnd nickte ich und zusammen gingen wir Richtung Dorf. Stillschweigend neben einander. Jetzt war sie doch nicht in die Zeitung gekommen. Das war gut, besser als das. Ich hatte ein Leben gerettet oder war gerade dabei es zu tun. Endlich tat ich etwas was Sinn ergab.
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Der Maskenball (Cro Ff)
Storie d'Amore"Wenn du aufhören würdest daran zu denken, würde es nicht mehr so schmerzen." "Das geht aber nicht. Ich kann nicht." . Ich hielt an der Vergangenheit fest, weil ich Angst vor der Zukunft hatte und die Mas...
